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Amerikanische Firmen lieben Berlin
Auch wenn Präsident Bush bei seinem Deutschlandbesuch Berlin meidet. US-Investoren zieht die Stadt magisch an
Von Reiner Fischer
Die Freundschaft zwischen Berlin und den USA ist legendär, und der Optimismus der Amerikaner ist es auch. Obwohl - oder vielleicht weil - die Stadt pleite ist, sehen US-Firmen in der Hauptstadt wirtschaftliche Chancen. Sie investieren dort, wo Berlin schon fast resigniert hat: in defizitäre Wohnungsbauunternehmen etwa. Sogar die hochverschuldete Bankgesellschaft wird umworben. Erst jüngst entdeckten Fondsgesellschaften wie Cerberus, Lone Star, Fortess oder Whitehall das hauptstädtische Terrain. Lukrative Privatisierungsangebote des Senats lockten. So erwarb Cerberus im letzten Jahr die größte Berliner Wohnungsbaugesellschaft GSW und bescherte damit auch der Stadt einen Gewinn. Denn Cerberus übernahm nicht nur 65 000 Wohnungen, sondern auch 1,7 Milliarden Euro Schulden, für die bis zum Verkauf das Land als Eigentümer aufkommen mußte. Cerberus ist eine der weltweit größten Fonds-Management-Gruppen und verwaltet Investmentfonds mit einem Volumen von insgesamt 13 Milliarden Dollar. Ähnlich agiert auch die andere große US-Gruppe - Lone Star. Sie erwarb in Berlin zuerst das DRK-Pflegeheim in Zehlendorf und kaufte dann 5500 Plattenbauwohnungen in Hellersdorf. Und auch die Bankgesellschaft würde sie unter Umständen übernehmen. Vorausgesetzt, der Kaufpreis stimmt. Wenn am kommenden Mittwoch US-Präsident George W. Bush zu einem kurzen Besuch in Deutschland eintrifft, dürften wirtschaftliche Fragen zwar kaum eine Rolle spielen, eher internationale Themen. Doch Anlaß, daß Engagement amerikanischer Firmen in Berlin zu betrachten, gibt die Visite allemal. Während Präsident Bush Berlin meidet, lieben US-Investoren die Stadt geradezu.Von einer Zurückhaltung amerikanischer Firmen gegenüber Berlin, wie sie nach den politischen Differenzen um den Irak-Krieg prophezeit wurde, ist nichts zu spüren. Im Gegenteil. Berlin gerät immer stärker in den Fokus von Investoren aus New York, Boston, Chicago oder Los Angeles.Gegenwärtig sind in der Hauptstadt zirka 120 US-Unternehmen wie etwa Gillette, Philip Morris, Otis, Coca-Cola, Motorola oder Visteon tätig. Sie investierten über drei Milliarden Euro in ihre Berliner Standorte und beschäftigen über 10 000 Mitarbeiter. Nicht eben wenig für eine Stadt, die beim Wirtschaftswachstum seit Jahren nur mäßig abschneidet. Die US-Firmen glaubten an die Zukunft der Stadt und seien dabei optimistischer als die Berliner, sagt Dierk Müller, Geschäftsführer der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland. Leider schüfen die großen Fondsgesellschaften zumeist keine neuen Arbeitsplätze. Oft werde nur günstig eingekauft, um langfristig eine hohe Rendite zu erwirtschaften. Berlin partizipiere "vom guten Ruf Deutschlands", das mit 110 Milliarden Euro und 800 000 direkten Arbeitsplätzen die höchste Konzentration von Investitionen aus den USA aufweist, meint Müller. Immerhin gebe es mehr als 2000 Firmen zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen.Das Image des Standortes "D" sei dennoch nicht ganz ungetrübt, räumt Müller ein. Einerseits arbeiteten zahlreiche Tochterfirmen von US-Unternehmen hierzulande recht erfolgreich. Andererseits werde die Bedeutung des Standortes durch das unterdurchschnittliche Wirtschaftswachstum beeinträchtigt. Und das lag auch in Berlin 2004 bei lediglich 0,8 Prozent."Berlin muß man heute mit anderen Augen betrachten als vor dem Mauerfall", sagt Müller. "Der Vorteil, den die Stadt bei der Ansiedlungspolitik von Unternehmen in den siebziger und achtziger Jahren bot, ist längst passé." Die Subventionen seien ausgelaufen, steuerliche Vergünstigungen nicht mehr vorhanden. Es mangele an frischen Investitionen. Bei einem Steuersatz von 38 Prozent sei das auch schwer. "Wer will da noch groß investieren, wenn er das auch in Irland könnte, wo nur 25 Prozent gezahlt werden müssen?" Entsprechend gering sei das Interesse an Industriekapazitäten. Der Fokus der US-Firmen richtet sich statt dessen auf andere Branchen. "Immer mehr Berater und Vertreter renommierter US-Konzerne errichten in Berlin ihre Büros. Firmen aus den Sektoren Dienstleistung, Öffentlichkeitsarbeit, Beratung sowie Medien und Hochtechnologie zieht es an den Regierungssitz", sagt Müller.Inzwischen zog es auch einige Führungsetagen von Großunternehmen an Spree und Havel. So verlegte der weltgrößte Softdrink-Hersteller Coca-Cola Mitte 2003 seine Deutschland-Zentrale von Essen nach Berlin. Allein mit dem Umzug entstanden über 160 qualifizierte Arbeitsplätze. Die Mitbewerber Hamburg, Düsseldorf, München und Frankfurt am Main hatten das Nachsehen. Der Erfrischungsgetränke-Konzern wertet Berlin auch als Produktionsstandort auf. Als einziges Unternehmen in Deutschland erhielt jetzt die Coca-Cola Erfrischungsgetränke AG (CCE) Berlin die Lizenz zur Produktion und zum Vertrieb - und ist damit nun der größte Konzessionär im Lande. Ein Umstand, der langfristig Arbeitsplätze in Berlin-Brandenburg sichere, meint Unternehmenssprecherin Claudia Fasse. In der Region seien insgesamt 1220 Mitarbeiter beschäftigt, davon 900 in der Hauptstadt. Wirtschaftlicher Erfolg in Berlin ist jedoch auch für amerikanische Firmen keine Selbstverständlichkeit. So dämpfte die Erhöhung der Tabaksteuer das Geschäft von Philip Morris deutlich.Der schon seit 1972 in West-Berlin ansässige Zigarettenkonzern eröffnete sein erstes deutsches Werk in Neukölln. Über 750 Millionen Euro investierte Philip Morris seither, davon mehr als eine Milliarde Euro seit 1995.Heute steht in der Neuköllnischen Allee eines der modernsten Werke des weltgrößten Zigarettenhersteller Altria Group, zu der Philip Morris inzwischen gehört. Jährlich produzieren dort rund 1200 Mitarbeiter an die 63 Milliarden Zigaretten. Davon sind 68 Prozent für den Inlandsmarkt bestimmt. Die restlichen 32 Prozent gehen von Berlin in den Export. "Deutschland ist nach wie vor ein sehr attraktiver Standort", sagt Norbert Quinkert, Deutschland-Chef des US-Technikkonzerns Motorola. Im Herbst 2000 eröffnete die Motorola GmbH in Berlin-Tegel einen 32 Millionen Euro teuren Standort. 500 Mitarbeiter beschäftigt Motorola am Borsigturm. Dort ist das europäische Kompetenzzentrum für Funk und Mobilkommunikation, die Fertigung von Funkgeräten und Systemen sowie die Verwaltung untergebracht.Auch die Forschung und Entwicklung der neuen Kommunikationstechnologien GPRS, UMTS und TETRA residiert dort. Ausschlaggebend für die Standortwahl sei neben der Zusammenarbeit mit den Universitäten, Innovations- und Gründerzentren in der Region Berlin und Brandenburg auch die Nähe zu den osteuropäischen Märkten, sagt Quinkert. Das Engagement der Amerikaner an der Spree reicht weit zurück. Bereits seit 1911 ist der amerikanische Aufzughersteller Otis, eine 100prozentige Tochtergesellschaft der United Technologies Corporation, hier vertreten. Auf dem Gelände an der Tegeler Otisstraße arbeiten rund 1200 Mitarbeiter, die hier weltweit benötigte elektronische Aufzugssteuerungen entwickeln und herstellen. Zum ersten deutsch-amerikanischen Joint Venture nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in Berlin übrigens bereits im Jahr 1951, als Otis und die Berliner Traditionsfirma Carl Flohr fusionierten. Dem Standort sind die Otis-Leute bis heute treu, fast ein bißchen beispielgebend für die große Politik. "Wir fühlen uns nach wie vor wohl in Berlin und wollen auch in Zukunft hierbleiben", sagt Kurt Frühbauer, der seit dem Jahr 2002 Otis Deutschland leitet.Selbst an Hochtechnologie arbeiten die Amerikaner in Berlin. So etwa die Raytek GmbH, eines der jüngsten Beispiele deutsch-amerikanischer Unternehmen in Berlin. Die in Pankow beheimatete Firma hat 110 Mitarbeiter und fertigt berührungslose Temperaturmeßgeräte auf Infrarot-Basis. Raytek gehört hiermit zu den Weltmarktführern. Als Anfang 2003 in Asien plötzlich die Immunkrankheit Sars auftrat, kam das in Berlin entwickelte Meßgerät "MiniTemp" zur Anwendung. Und das mit beachtlichem Erfolg."Bei Raytek verband sich kreatives deutsches Ingenieurpotential mit amerikanischem Marketing zu einer guten Symbiose, die bis heute erfolgreich ist", sagt Geschäftsführer Klaus-Dieter Gruner. Und selbst bei der Autozulieferung sind die Amerikaner in Berlin präsent. So übernahm der US-Konzern Visteon, einer der weltweit führenden Komplettanbieter von Fahrzeugkomponenten, das ehemalige Berliner Werk der Ford AG. Heute fertigen dort 650 Mitarbeiter Kunststoffteile für Pkw-Hersteller wie Ford oder VW.Die Firma Delphi, der größte Automobilzulieferer der Welt, forscht in Berlin derweil für Insassenschutz. Er will sogar Personal aufstocken. Genug Gründe also für George Walker Bush, beim nächsten Deutschland-Besuch unbedingt auch Berlin zu besuchen.
Welt am Sonntag, 20. Februar 2005
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