|
Virtuelle Ausschreibungen sind noch Zukunftsmusik
Trotzdem sehen Berliner Handwerker Chancen im Internet
Katja Fischer
BERLIN, 29. Mai. Das Berliner Handwerk hofft aufs Internet. 50 Prozent der Betriebe sind schon online. Die meisten von ihnen wollen mit dem World Wide Web mehr anfangen als nur E-Mails zu versenden. Sie investieren, weil sie an Online-Ausschreibungen teilnehmen, Zugriff auf Datenbanken bekommen und so neue Kunden gewinnen möchten. Gerade kleine und mittelständische Firmen suchen darin einen Ausweg aus ihrer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Denn dem Handwerk in Berlin geht es so schlecht wie lange nicht. In den ersten Monaten dieses Jahren mussten 475 Firmen aufgeben, mehr als im gesamten Jahr 2000. Die Umsätze sanken im vergangenen Geschäftsjahr um 5,2 Prozent auf 25,4 Milliarden Mark. Im Internet, wo sich auch kleinere Firmen präsentieren können, sehen viele eine Chance. Keine schnellen Kontakte "Der Beratungsbedarf wächst", beobachtet Michael Stamm vom Kompetenzzentrum eCOMM Berlin-Brandenburg, das Unternehmer fit macht für den elektronischen Geschäftsverkehr. "Neben Unterstützung bei der Auswahl von Hard- und Software erklären wir den Chefs kleiner und mittlerer Firmen, wie sie das Netz für ihren Betrieb nutzen können." Allerdings sei der Aufbau von Handwerker-Marktplätzen zum Beispiel mühsam, und es dauere seine Zeit, bis sie bei der Kundschaft bekannt würden. Die Hoffnungen, über das neue Medium schnell Kontakte zu knüpfen, erfüllen sich nur selten. Auf der Handwerkerplattform www.handwerkernet.de sind zwar alle Handwerksbetriebe präsent. Ihre Informationen beschränken sich aber auf Firmennamen und Telefonnummern. So gleicht die Suche im Internet dem Blättern in den Gelben Seiten. Über spezielle Angebotsprofile und Preisvorstellungen der Firmen ist nichts zu erfahren. Entsprechend spärlich sind die Kunden-Reaktionen. Auch Online-Ausschreibungen werden allenfalls von einigen privaten Bauunternehmen praktiziert. Die öffentliche Hand, einer der Hauptauftraggeber des Berliner Handwerks, verschickt ihre Ausschreibungsunterlagen noch immer per Post. Immerhin sind im Amtsblatt unter www.kulturbuchverlag.de inzwischen Bekanntmachungen über Ausschreibungen online erhältlich. Aber die dazugehörigen Leistungsverzeichnisse muss der Bieter immer noch in Papierform anfordern und tagelang warten, bis sie ihm zugestellt werden. "Dabei gibt es längst technische Lösungen, um sie ohne zusätzlichen Aufwand ins Internet zu stellen", erklärt Boris Safner, Innovations- und Technologieberater bei der Technologiestiftung Berlin. Das Argument, es fehle an Datensicherheit, will er nicht gelten lassen. "Es ist ja gar nicht nötig, jetzt schon das gesamte Bieter-Verfahren im Internet abzuwickeln. Wenn allein die Leistungsverzeichnisse online abrufbar wären, würde das kleine und mittlere Unternehmen ermutigen, sich mit der neuen Technologie auseinander zu setzen." Die Unternehmen würden viel Zeit sparen, wenn sie nicht in dicken Mappen blättern müssten, sondern per Mausklick nach Leistungsschwerpunkten suchen könnten. Voraussetzung für die Akzeptanz bei den Firmen sei allerdings, dass die Online-Ausschreibungen leicht zu handhaben sind, keine komplizierte Software, Chipkarten oder Lesegeräte erforderten. Für Ende Mai plant die Technologiestiftung eine große Initiative zu online-Ausschreibungen mit Berliner Verwaltungen. "Es gibt schon einige Pilotprojekte mit ausschreibenden Stellen", so Safner. Doch konkrete Ergebnisse dieser Tests lägen noch nicht vor. So werde es wohl noch Monate dauern, bis die ersten Leistungsverzeichnisse ins Netz gelangen. Und es werde noch Jahre dauern, bis Ausschreibungen virtuell sicher von kleinen und mittleren Unternehmen aus dem Bauwesen abgewickelt werden.
Online bezahlen // Vorrangig werden E-Mails versendet und empfangen. Jeder zweite Betrieb wickelt seine Bankgeschäfte elektronisch ab, jeder fünfte erledigt Bestellungen und Buchungen übers Internet. Nur jeder zehnte Handwerksbetrieb informiert sich im Netz über öffentliche Ausschreibungen.
35 Prozent der Firmen habe eine eigene Homepage. Jede Fünfte davon richtete einen Bestellservice für die Kunden ein. Berliner Zeitung, 30.05.2001
|