Bedrohter Meister

Studie belegt Trend zur Akademisierung

Von Katja Fischer

Bachelor-Abschlüsse werden zur Konkurrenz der dualen Berufsausbildung. Das geht aus einer international vergleichenden Studie von Prof. Dr. Gerhard Bosch, Leiter des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, hervor.

Hintergrund ist, dass Aufsteiger aus dem dualen System und Hochschulabsolventen mit Bachelor-Abschluss für sich die Fachtätigkeiten mit Führungsaufgaben im mittleren Management beanspruchen. Es besteht die Gefahr, dass das duale System die besten Jugendlichen an eine akademische Ausbildung verliert, kritisiert Bosch.

Während Deutschland und Dänemark gewissermaßen als Exoten am dualen System der Berufsausbildung festhalten, spielt es in Ländern wie USA, Australien und den USA kaum noch eine Rolle. Vor allem in den angelsächsischen und romanischen Ländern wird die Ausbildung in vielen klassischen Lehrberufen – vom Koch über die Krankenpflege bis zum Hausmeister -zunehmend akademisiert. Sie erfolgt in speziellen Schulen, Colleges und Universitäten.

Das führt einerseits zu einer formal hohen Akademikerquote in diesen Ländern. Großbritannien weist mit 39,3 Prozent und Australien sogar mit 46,4 Prozent höhere Prozentsätze auf als Deutschland mit 20,6 Prozent. Der OECD-Durchschnitt lag im Vergleichjahr 2004 bei 34,8 Prozent. Auf der anderen Seite kommt es jedoch zu einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften unterhalb der akademischen Ebene.

Dass diese aber gebraucht werden, zeigt die Tatsache, dass Facharbeiter international stark gefragt sind. So wandern derzeit beispielsweise viele deutsche Baufacharbeiter nach Australien aus, wo sie eine hohe Wertschätzung genießen.

Für den Bildungsexperten ist deshalb klar: Deutschland sollte seine Tradition fortsetzen und die duale Berufsausbildung stärken. Denn darauf beruht letztlich sein Erfolg als Exportnation. „Die Verbindung von Entwicklern und Machern ist entscheidend. Wir brauchen nicht nur Ingenieure, sondern auch Techniker, Meister und Fachwirte, die die innovativen Ideen kreativ umsetzen“, so Bosch. Die deutsche Meister-, Fachwirte- und Technikerausbildung sei manchen akademischen Lehrgängen anderer Länder überlegen.

Vergleichende Untersuchungen mit britischen und US-amerikanischen Unternehmen zeigten, dass das deutsche System zu Produktivitätsvorsprüngen führt. In den USA und Großbritannien wird die mittlere Führungsebene mit Hochschulabsolventen besetzt, die für diese Funktion durch ihre breite theoretische Ausbildung überqualifiziert und ihren Mangel an praktischem Umsetzungswissen gleichzeitig unterqualifiziert sind, so Prof. Bosch.

Die Kluft zwischen den Akademikern und den meist nur angelernten Beschäftigten ist so groß, dass es zu Produktivitätsrückständen und Qualitätsproblemen kommt.

Es lohnt sich also, in Deutschland das duale System zu stärken. Allerdings muss es für die Absolventen weiterhin attraktiv bleiben. Bisher war es Ausgangspunkt für eine Karriere ins mittlere Management. Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen mittlere Führungsaufgaben von erfahrenen Praktikern ausgeübt werden, die sich eine theoretische Zusatzqualifizierung erworben haben. Wenn jetzt aber zunehmend Bachelor-Absolventen auf diese gut bezahlten Posten drängen, haben die Facharbeiter das Nachsehen. 

Ein Ausweg wäre, das Bildungssystem in Deutschland durchlässiger zu gestalten. Es sollte mehr Möglichkeiten geben, auf eine Berufsausbildung eine Hoch- oder Fachschulausbildung draufzusatteln. Dabei genügt es nach Ansicht des Bildungsexperten nicht, die Hochschulen für Meister und Techniker zu öffnen. Vielmehr müssten Bildungsgänge addiert werden können. Der dritte Bildungsweg sollte zu einem integrierten Aufstiegspfad im normalen Bildungssystem umgestaltet werden.

Dass das duale Ausbildungssystem in Deutschland nicht unbedingt eine Konkurrenz zum Bachelor-Abschluss sein muss, beweisen Unternehmen, die die Berufsausbildung und das Studium durch duale oder kooperative Studiengänge kombinieren. Sie schicken ihre Auszubildenden an Fachhochschulen. So erhalten die Absolventen eine solide theoretische und wissenschaftliche Bildung, gepaart mit handfesten Erfahrungen aus der Praxis und einen Abschluss, der eine Karriere im mittleren Management rechtfertigt.

Keine Garantie für mehr Qualität

Interview mit Prof. Gerhard Bosch, Leiter des Instituts Arbeit und Qualifikation
(IAQ) der Universität Duisburg-Essen

Gibt es gut bezahlte Jobs mit Karrierechancen bald nur noch mit Hochschulstudium?
In der Tat wächst die Konkurrenz zwischen den Absolventen der Berufsausbildung und Bachelor-Absolventen um Führungspositionen in der mittleren Ebene. Sie wurden bisher in Deutschland traditionell von Facharbeitern besetzt, die dafür eine zusätzliche Qualifikation erwarben, etwa als Meister oder Techniker. Jetzt drängen zunehmend Hochschulabsolventen in diesen Markt.

Ist das deutsche duale System der Berufsausbildung ein Auslaufmodell?
Unsere Studie zeigt, dass in vielen Ländern die Hochschulausbildung stark ausgebaut wurde, während das duale System der Berufsausbildung an Bedeutung verlor. Noch vor 40 Jahren hatten beispielsweise Großbritannien, Kanada und die USA sehr entwickelte duale Berufsausbildungssysteme. Das ist vorbei. In Frankreich, Neuseeland, Australien und Polen gibt es heute auch nur noch Reste. Die Folge ist, dass in diesen Ländern kaum Alternativen zur akademischen Ausbildung vorhanden sind.
Deutschland und Dänemark halten dagegen am dualen System der Berufsausbildung fest. Ich denke, das ist richtig, denn es ist erfolgreich. Die Ausbildung erfolgt viel näher am Arbeitsmarkt als eine Hochschulausbildung. Das sehen inzwischen auch andere Länder und versuchen, die berufliche Ausbildung wieder zu beleben.

Früher war ein Bäcker sein ganzes Leben lang Bäcker. Heute müssen sich die Menschen auf lebenslanges Lernen und wechselnde Tätigkeiten einstellen. Verliert der erlernte Beruf an Bedeutung?
Die meisten Menschen wechseln ja im Laufe ihres Lebens nicht den Beruf. Im Jahr 2004 hatten 82,2 Prozent der Facharbeiter eine ausbildungsadäquate Beschäftigung. Was sich jedoch wandelt, sind die Tätigkeiten innerhalb eines bestimmten Berufsfeldes. Hier ist das in Deutschland dominante Berufsprinzip die beste Antwort auf eine zunehmend flexible Arbeitswelt. Eine breite Berufsausbildung befähigt zum Einsatz auf unterschiedliche Tätigkeiten.

Sie plädieren dennoch für eine Reform der deutschen Berufsausbildung.
Um ihren hohen Stellenwert zu erhalten, sind Reformen unumgänglich. Wir haben zum Beispiel immer noch 229 Splitterberufe. Ihre Zahl hat sich in den letzten Jahren nach langen Bemühungen, Berufe zusammen zu fassen, weiter erhöht, weil neue, oft klein geschnittene Berufe dazukamen. Ich halte eine Verringerung auf 200 anstelle der heute 365 Berufe für eine realistische Größe.
Außerdem sollten die Berufsbilder offener gestaltet werden als in der Vergangenheit und mehr Wahlmöglichkeiten, etwa in Form von Modulen, bieten.

Müssen wir jetzt in Deutschland auch die Hochschulausbildung ausbauen, um wenigstens den OECD-Durchschnitt bei der Akademikerquote zu erreichen?
Natürlich steigt der Bedarf an akademisch gebildeten Fachkräften. Aber die Ausrichtung am OECD-Durchschnitt halte ich nicht für zielführend. Die Bildungssysteme der Länder sind so unterschiedlich, dass Akademikerquoten kein sinnvoller Indikator sind. Mangels attraktiver Ausbildungsgänge unterhalb der Bachelor-Ebene sind in vielen Ländern Ausbildungsgänge akademisiert worden, die bei uns im dualen System oder im Bereich der schulischen Ausbildung angesiedelt sind. Beispielsweise liegt das Äquivalent zu unseren IT-Berufen in Großbritannien und den USA auf der Bachelorebene, ohne dass damit erkennbare Qualitätsvorteile verbunden sind.

Die Expertenkommission „Finanzierung lebenslangen Lernens“, der Sie angehörten, hat ein Bafög für Erwachsene gefordert.
Bisher wird in Deutschland nur das Studium junger Leute bis zum 30. Lebensjahr gefördert. Das bedarfsorientierte Bafög für Erwachsene soll unserer Ansicht nach beim Nachholen eines Schulabschlusses zu 100 Prozent als Zuschuss gezahlt werden, beim Nachholen eines Berufs- und Hochschulabschlusses zu 50 Prozent und bei einer Aufstiegsfortbildung zu 35 Prozent.
Das könnte dazu beitragen, dass das Niveau der Weiterbildung insgesamt wächst. Deutschland hat da erheblichen Nachholbedarf. Hier kann man zwischen dem 25. und 64. Lebensjahr lediglich mit 398 Stunden beruflicher Weiterbildung rechnen, während es in Dänemark 934, in Finnland 669 und in Schweden 622 Stunden sind.

Frankfurter Rundschau, 31. August 2007
 

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