Delikatessen für jedermann


Die Karriere von Butter-Lindner begann vor über 50 Jahren auf den Berliner Wochenmärkten

 

Von Katja Fischer

Die Verkaufstheken quellen über von Köstlichkeiten: bunte Salate, getrocknete Tomaten, Oliven, belegte Brötchen, Wraps, Buletten... Ein Duft von frischem Brot, Schinken und Käse liegt in der Luft. Wer will, kann probieren. Auch wenn der Laden voll ist - die Verkäuferinnen bei Butter-Lindner nehmen sich für jeden einzelnen Kunden Zeit. Schneiden Salami und Käse in hauchdünne Scheiben, klopfen lose Butter in Form, wiegen Salate ab. Niemand in der Warteschlange wird dabei ungeduldig. Schließlich gibt es viel zu entdecken und zu entscheiden: Nehme ich den Iberico Schinken, die Salami Abbruzzese oder das Bündner Fleisch? Oder ein paar Scheibchen von jedem? Der Ziegenfrischkäse sieht auch gut aus. Und die Crevetten in Kräuteröl sind bestimmt lecker.

Michael Lindner kann alles empfehlen. „Wir bieten die besten Feinkostprodukte in höchster Qualität“, so der Anspruch Inhabers, der das Unternehmen Butter-Lindner in zweiter Generation leitet. Dabei hat er keineswegs abgehobene Gourmets im Blick. Sein Konzept könnte heißen: Feinkost für jedermann. Es geht auf. Trotz, oder vielleicht gerade wegen der Übermacht der großen Lebensmittelketten und Discounter, die eingeschweißte Massenware billig verkaufen. Viele Leute geben lieber ein paar Euro mehr aus, um ausgesuchte Spezialitäten genießen zu können. Einige Butter-Lindner-Produkte sind geradezu Kult geworden wie der Vanillequark mit echter Bourbonvanille, das Krustenbrot, die Berliner Bulette oder die frische Milch aus Dänemark.

Für alteingesessene Berliner ist Butter-Lindner eine Institution. Schon 1950 startete Robert Lindner mit seiner losen Lindner-Butter auf den Berliner Wochenmärkten. Bald kamen Käse und andere Molkereierzeugnisse dazu. „Frische und Qualität waren bereits damals unsere Markenzeichen“, sagt Michael Lindner, der seinen Vater oft auf den Märkten half. Mitte der 60er Jahre konnte Robert Lindner sein erstes Ladengeschäft in der Pichelsdorfer Straße in Spandau eröffnen. Seitdem wuchs das Familienunternehmen kontinuierlich. Es ist in allen regionalen Einkaufsgegenden der Stadt präsent. Auch auf Wochenmärkten hat es nach wie vor seine Stände.

Heute betreibt Butter-Lindner 40 Geschäfte in Berlin. Darunter drei neue Flagschiffe an den strategisch wichtigen Punkten der Stadt: in der Friedrichstraße, am Hackeschen Markt und in der Wilhelmstraße. Sie werden vor allem von Touristen und Mitarbeitern der umliegenden Büros frequentiert. Butter-Lindner stellt sich auf diese Klientel ein: „ Wir haben den Feinkostbereich ausgedehnt, Backfrisch-Shops eingerichtet. Es gibt verschiedene Snacks zum Mitnehmen“, erklärt der Inhaber. Der noch recht neue Catering-Service von Butter-Lindner liefert die Delikatessen auf Wunsch auch nach Haus oder ins Büro, z.B. für Familienfeiern, Firmenpräsentationen, Messen oder Pressekonferenzen.

Mit 50 bis 150 Quadratmetern Fläche sind die Butter-Lindner-Geschäfte nicht viel größer als Tante-Emma-Läden vergangener Zeiten. Trotzdem schaffen es die Feinkost-Spezialisten, durchschnittlich 800 Artikel darauf unterzubringen. Die werden alle vom Chef höchstpersönlich ausgesucht. „Mein Job ist es, besondere Produkte zu finden“, betont Michael Lindner. Dafür fährt er bis in die entlegensten Winkel in Deutschland, nach Frankreich, Italien in die Schweiz und nach Dänemark.

Auf Bauernhöfen, in Molkereien oder bei Winzern findet er Spezialitäten wie den Schleswig Holsteiner Roséweinschinken oder den mit Feigensenf verfeinerten Rohmilchkäse Tête de Moine. „Ich suche gern handwerkliche Partner, die nicht an große Handelsunternehmen liefern, weil sie gar nicht die erforderlichen Mengen herstellen können“, sagt Michael Lindner. So habe er die Gewissheit, dass seine Spezialitäten in Berlin einmalig sind. Auch auf seiner letzten Reise in die Emilia Romagna wurde er wieder fündig. Die Kunden dürfen sich demnächst auf Käsespezialitäten aus dieser berühmten italienischen Region freuen.

Trotz der Präsenz in Berlin sieht sich Butter-Lindner immer noch als mittelständischer Familienbetrieb. „Insgesamt ist unsere Verkaufsfläche nicht größer als die Feinkostetage im KaDeWe“, kokettiert der Chef. Seit 1998 ist der Einzelhändler auch in Hamburg präsent, hat dort inzwischen sechs Läden. Michael Lindner: „Die Hanseaten haben uns freundlich aufgenommen.“ Die Hamburger Genussmenschen seien schnell vom Konzept des Feinkost-Spezialisten überzeugt gewesen. Es gäbe aber gewisse Mentalitätsunterschiede. „Sie lassen sich beim Einkauf mehr Zeit als die Berliner, fragen öfter nach und probieren.“

Weiter wachsen will Butter-Lindner erst einmal nicht. „Wir beobachten den Markt, haben aber aktuell keine Pläne, neue Filialen zu eröffnen“, betont der Inhaber. Sein Unternehmen soll eine gewisse Größe nicht überschreiten, um die persönliche Atmosphäre nicht zu gefährden. Butter-Lindner investiert in Dinge, die vom übrigen Einzelhandel gern eingespart werden: Personal und Zeit. Das ist ein Geheimnis seines Erfolgs. Der Familienbetrieb mit insgesamt 500 Mitarbeitern, davon 420 in Berlin, leistet sich eine eigene Abteilung Aus- und Weiterbildung, hat zur Zeit 60 Lehrlinge. „Wir verkaufen hochsensible Produkte. Dafür braucht man Gespür und Fachwissen. Da kann man keine Aushilfskräfte einsetzen“, erklärt Michael Lindner. Seine Verkäuferinnen seien in Berlin für ihre Freundlichkeit bekannt, auch ein Markenzeichen von Butter-Lindner.

Welt am Sonntag, 11. 4. 2004

 

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