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Ost-West-Handel: Wien hat Berlin als Drehscheibe abgehängt
Verkehrsanbindung und Steuern verursachen Wettbewerbsnachteile
Von Reiner Fischer
Berlin nimmt gern für sich in Anspruch, eine Brücke zwischen Ost und West zu sein. Besonders anlässlich der EU-Osterweiterung wurde das in feierlichen Politikerreden immer wieder herausgestellt. Doch die Realität sieht anders aus. Während die nur 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernte deutsche Hauptstadt redet, handelt ihr größter Konkurrent im Ost-West-Geschäft: Wien. Dabei haben beide Städte bei den Mittel- und Osteuropäern einen guten Ruf. Sie werden als offene, kosmopolitische Städte wahrgenommen. Beide bieten nicht nur eine gute Infrastruktur, eine Konzentration von Wissenschaft und Forschung, sondern können auch auf eine große Anzahl gut geschulter Mitarbeiter mit entsprechenden Sprachkenntnissen verweisen. In Wien ist aber die Arbeitslosigkeit mit 4,6 Prozent wesentlich geringer als in Berlin mit 17,6 Prozent. Was beide Städte auszeichnet, ist die hohe Lebensqualität. Doch Wien und Berlin nutzen ihr Potenzial unterschiedlich. Die österreichische Hauptstadt arbeitet zielstrebig an ihrem aus der k. u. k. Zeit stammenden Image als Ost-West-Drehscheibe. Schon Jahre vor der EU-Osterweiterung erkannten internationale Firmen ihre Chancen und nutzten Wien als strategischen Ausgangspunkt ihrer Aktivitäten. "Die Stadt hat im Wettbewerb der attraktivsten Wirtschaftsstandorte einen historisch gewachsenen Standortvorteil und wird daher von der EU-Erweiterung weiter stark profitieren", betont Christian Prosl, Botschafter der Republik Österreich. Über 1000 Unternehmen aus aller Welt sind in der Donaumetropole ansässig. Sie wirken in einen Markt hinein, der über 35 Millionen Menschen umfasst und der für die künftige Entwicklung Europas von großer Bedeutung ist. Denn in den unmittelbaren Nachbarländern, Ungarn, Tschechien, Slowenien, Polen und der Slowakei, sind Wachstumsraten zu verzeichnen, die innerhalb der EU bereits Geschichte sind. Die Zahl der Joint Ventures geht in die Hunderte. Der Aufschwung sei überall spürbar, sagt der Botschafter. In der europäischen Börsenlandschaft genieße Wien einen guten Ruf. Besonders eng sei die Zusammenarbeit mit den Börsen in Budapest und Warschau. So werden etwa für den Einstieg in Aktien polnischer, tschechischer und ungarischer Unternehmen Zertifikate angeboten, bei denen die Wiener Börse federführend ist. "Um das Investitionsklima weiter günstig zu gestalten, hat der österreichische Staat entscheidende Schritte eingeleitet", bemerkt der Botschafter. Dazu gehörten eine mehrstufige Steuerreform, die vor zwei Jahren verabschiedete Hochschulreform sowie die gegenwärtige Gesundheitsreform. "Die Steuergesetzgebung wirkt sich positiv aus. Mit der Senkung der Körperschaftsteuer von 34 auf 25 Prozent spielt Wien im Wettbewerb der Investoren ganz oben mit. Derzeit entfallen knapp zwei Drittel des ausländischen Kapitalstocks in Österreich auf Wien", sagt Prosl. Berlin scheint indessen das Geschehen im Osten geflissentlich zu übersehen. Zwar existieren seit längerem Städtepartnerschaften mit Warschau und Moskau, aber viel passiert da nicht. Selbst mit den Beziehungen zu den unmittelbaren polnischen Nachbarnstädten Szczecin, Poznan oder Wroclaw tut man sich schwer. Jüngstes Beispiel: Die Länder Berlin und Brandenburg zogen sich aus der deutsch-polnischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft TWG zurück. Wirtschaftsförderung ist seit März 2004 wieder Ländersache. Wirtschaftlich wird Berlin von der EU-Erweiterung in absehbarer Zeit kaum profitieren, prophezeit der Unternehmensverband Berlin-Brandenburg. Die kleinen Firmen und die Mittelständler seien zu sehr mit ihrer Region verbunden, als dass sie sich mit einem Engagement im Osten beschäftigten. Auch die beträchtlichen Kosten und die staatlichen Regulierungen würden den Elan dämpfen. Die Konsequenz: Berlin hat nur zwei Prozent Anteil an den deutschen Exporten nach Polen, obwohl es so nahe an der Grenze liegt. Nordrhein-Westfalen kommt dagegen auf 28 Prozent, Niedersachsen auf 15 und selbst Bayern auf zwölf Prozent. Von 833 Firmen, die in Polen Tochterfirmen gründeten, stammen 95 Prozent aus westlichen Bundesländern. Ein Wettbewerbsnachteil Berlins ist die Verkehrsanbindung. Wer von Wien aus in Richtung Osten fliegen will, hat keinerlei Probleme. Traditionell bestehen schon seit Jahrzehnten zahlreiche Destinationen. Um das wachsende Passagieraufkommen nach der EU-Erweiterung bewältigen zu können, wird jetzt der Flughafen Wien-Schwechat ausgebaut. Die Situation in Berlin dagegen ist von unendlichen Querelen um den Ausbau Schönefelds geprägt.Für Investoren keine überzeugende Visitenkarte. Das Angebot an Verbindungen in Richtung Osten ist im Vergleich zu Wien spärlich. Erfreulich daher, das die Fluggesellschaft Air Berlin jetzt Warschau im Angebot hat und Easyjet ab Ende Oktober beziehungsweise November von Schönefeld aus nach Krakow beziehungsweise Ljubljana fliegt. Auch wer mit dem Zug nach Osten reisen will, hat keine guten Karten. Elf Jahre nach dem Anschluss Berlins an das deutsche ICE-Netz fahren die Schnellzüge vor allem in Richtung Westen. Nach Osten dauern manche Reisen nicht Stunden, sondern Tage. Für die 120 Kilometer lange Strecke Berlin-Szczecin benötigt man heute über zwei Stunden. Von Berlin nach Wroclaw sind mehr als sechs Stunden einzuplanen. Zum Vergleich: 1938 fuhr der "Fliegende Schlesier" die 320 Kilometer lange Strecke in zwei Stunden und 45 Minuten.
Welt am Sonntag, 3. Oktober 2004
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