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Chefsache Bildung
Trend aus den USA: In Deutschland gibt es bereits über 80 Corporate Universities
Von KATJA FISCHER
Obwohl deutsche Universitäten sich zunehmend für die Wirtschaft öffnen, setzen große Firmen lieber auf eigene Weiterbildungsangebote. Sie schulen ihre Führungskräfte zunehmend in Corporate Universities, wo sie praxis- und unternehmensorientiertes Wissen erwerben. In maßgeschneiderten Kursen wird anhand firmeninterner Probleme gelernt. Der Mitarbeiter kann seine Erkenntnisse dann gleich im Alltag umsetzen.
Der Trend zur firmeninternen Kaderschmiede kommt aus den USA. Dort wurde bereits 1955 die erste Corporate University, das General Electric´s Management Developement Institut, gegründet. Ein Beispiel, das Schule machte. Mittlerweile bieten in den Staaten um die 1500 Firmen-Unis Lehrgänge für ihren Nachwuchs an.
Die erste privatwirtschaftliche Uni in Deutschland wurde fast ein halbes Jahrhundert später gegründet. 1998, als Daimler und Chrysler fusionierten, entstand die Daimler Chrysler Corporate University. Das war das Startsignal. Einen Monat später zog Bertelsmann nach. Lufthansa, Deutsche Bank, Deutsche Telekom und viele andere folgten. Aktuell gibt es nach einer Studie des Bundesministeriums für Forschung und Bildung in Deutschland rund 80 Firmen-Universitäten. Von den hundert größten deutschen Unternehmen leistet sich mittlerweile jedes dritte eine solche Einrichtung.
Anders als in Amerika, wo meist alle Mitarbeiter Zugang haben, sind 63 Prozent der deutschen Firmen-Unis der Nachwuchs-Elite vorbehalten. Nur 37 Prozent stehen allen Beschäftigten offen. 40 Prozent der Corporate Universities werden unmittelbar vom Vorstandsvorsitzenden beaufsichtigt. Das macht den hohen Stellenwert deutlich, den die Unternehmen ihren Elite-Schmieden beimessen. So schulen DaimlerChrysler und Bertelsmann dort ihre Top-Leute.
Auch die Allianz stellt ihr Allianz Management Institut am Starnberger See einem exklusiven Kreis zur Verfügung. Die Nachwuchsführungskräfte des Versicherungskonzerns werden in einem modular aufgebauten Training auf neue Aufgaben vorbereitet. Neben Schulungen zu Mitarbeiterführung, Kommunikation, Betriebs- und Versicherungswirtschaft verinnerlichen sie dort Identität und Philosophie des Konzerns und bilden Netzwerke zwischen den einzelnen Gesellschaften.
Das Bundesbildungsministerium sieht darin einen Trend, der Privat-Unis von öffentlichen Hochschulen unterscheidet. In den Corporate Universities greife der Lern- und Arbeitsprozess vielfach ineinander. Es gehe einerseits um den Erwerb von Wissen und andererseits um die Lösung konkreter Geschäftsprobleme.
So auch bei der Lufthansa. „Die Lufthansa School of Business ist die Plattform für Bildung innerhalb des Konzerns. Sie sorgt für den schnellen Transport wichtiger Informationen in das Unternehmen“, betont Lufthansa-Sprecherin Karin Weber. So würden der Konzernvorstand und die obersten Führungskräfte dort Vorträge halten und Projekte definieren. Tausende Lufthansa-Mitarbeiter nutzten jährlich die Möglichkeit, sich über ihre konkreten beruflichen Aufgaben hinaus schulen zu lassen.
Im Bildungszentrum in Seeheim treffen sich Mitarbeiter aus allen Konzernbereichen zu Seminaren und Veranstaltungen. „Dort können sie Lufthansa-Kultur erleben und prägen“, erklärt Karin Weber. So komfortabel haben es längst nicht alle ihrer Kommilitonen an Firmen-Unis. Die Lehrveranstaltungen der Corporate Universities sind zu einem großen Teil virtuell. So können die Teilnehmer am Computer jederzeit E-Learning-Angebote nutzen oder internetbasiert kommunizieren. Dieser Aspekt wird wegen der zunehmenden Internationalisierung der Konzerne immer wichtiger. Trotzdem setzen die meisten Universitäten noch auf regelmäßige Präsenzveranstaltungen, weil sie die Mitarbeiter zusätzlich motivieren.
Knapp 80 Prozent der Corporate Universities kooperieren mit internationalen Universitäten. So schmückt sich DaimlerChrysler mit renommierten Adressen wie der Harvard Business School, dem Insead in Paris oder dem International Institute for Management Developement in Lausanne. Bei der Zusammenarbeit geben sich die Firmen-Unis in der Regel nicht mit fertigen Lehrgangskonzepten ihrer Partner zufrieden. Sie erwarten individuelle Angebote. Beispiel Lufthansa. Vor der Gründung der Lufthansa School of Business schickte das Unternehmen Mitarbeiter in offene Programme von Business Schools. Doch deren Inhalte bestimmte die externe Schule. Deshalb entsprachen sie nicht exakt dem Bedarf des Konzerns. Heute ist der Weg umgekehrt: Die Lufthansa-Uni definiert die Lernprozesse und bezieht andere Business Schools nach Bedarf ein.
Eine Auswahl deutscher Corporate Universities
Allianz Management Institut Teilnehmer: Führungskräfte
Inhalt: Management-Programme zur Mitarbeiterführung, Strategie, Marketing, IT, Finanzen
Abschluss: Keiner
Bertelsmann University Teilnehmer: Leitende Manager
Inhalt: Management-Programme, Strategie-Transfer
Abschluss: Keiner
BSH Academy (Bosch und Siemens Hausgeräte)
Teilnehmer: Alle Mitarbeiter
Inhalt: Produkttrainings, Führungskräfteschulung
Abschluss: geplant: MBA (Master of Business Administration)
Daimler Chrysler Corporate University Teilnehmer: Führungskräfte
Inhalt: Führungskräfte-Programme, Strategieschulungen
Abschluss: Keiner
Deutsche Bank University Teilnehmer: Alle Mitarbeiter
Inhalt: betriebliche Weiterbildung
Abschluss: Keiner
Lufthansa School of Business Teilnehmer: Führungskräfte, Mitarbeiter aller Hierarchiestufen
Inhalt: Management-Programme, Weiterbildung
Abschluss: In Zusammenarbeit mit Partnern: Masters- und MBA-Abschlüsse
Telekom Business Academy Teilnehmer: Führendes Management, Führungsnachwuchs
Inhalt: Management-Programme
Abschluss: MBA
Print Media Academy (Heidelberger Druckmaschinen)
Teilnehmer: Mitarbeiter, Kunden
Inhalt: Produktschulung, Business-Training, Management-Programme
Abschlüsse: MBA, IHK
Merck University Teilnehmer: Mitarbeiter, Kunden, Führungskräfte
Inhalt: berufsbegleitende Lehrgänge, Management-Schulungen
Abschlüsse: Diplom, MBA, BA (Bachelor)
SAP University Teilnehmer: Mitarbeiter
Inhalt: SAP-Lösungen, Sprachtraining, Führungskräfteseminare
Abschluss: keiner
Die Welt, Rubrik Bildung, 03.05.2003
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