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Dämpfer für die Millennium-Bridge
Schwingungsspezialisten der Berliner Firma Gerb arbeiten weltweit an spektakulären Projekten
Katja Fischer
BERLIN, im Juli. Begeisterte La-Ola-Wellen brasilianischer Fußballanhänger brachten die Tribünen im Stadion von Sao Paulo dermaßen zum Beben, dass es sicherheitshalber geschlossen werden musste. Da es aussichtslos ist, das südamerikanische Temperament der Fans zügeln zu wollen, forderte man technische Hilfe an. Ingenieure der Berliner Firma Gerb lenkten die Energie schließlich in geordnete Bahnen. 60 Stahlseile, die durch Gerb-Federelemente vorgespannt wurden, sichern heute das Stadion. Seit knapp hundert Jahren hat sich das Reinickendorfer Unternehmen, das von William Gerb gegründet wurde, den Schwingungen verschrieben. Das erfahrene Team isoliert Maschinen und Anlagen, sichert Brücken, Gebäude, Schiffe, Verkehrsanlagen und Industriebetriebe gegen Erschütterungen. Damit haben sich die Spezialisten weltweit einen Namen gemacht. Ins Schwanken gekommen So wurden sie auch zu spektakulären Projekten wie der Millenium-Bridge in London gerufen. Die musste drei Tage nach ihrer Inbetriebnahme im Sommer 2000 gesperrt werden. Größere Benutzergruppen hatten die Brücke dermaßen aufgeschaukelt, dass sie sich bis zu 100 Millimeter hin und her bewegte. Die Gerb-Schwingungstechniker kamen der Ursache bald auf die Spur. Die Berechnungen der Brückenbauer stimmten, alle statischen Vorschriften waren eingehalten worden. Allein die Tatsache, dass so viele Menschen gleichzeitig über die Brücke gingen, hatten das Bauwerk ins Schwanken gebracht. Gerb baute nachträglich so genannte Schwingungstilger ein, die jede Bewegung der Brücke gegen Null dämpfen. "An solche Projekte kommt man nur heran, wenn man in der Szene bekannt ist", sagt Horst Schmidt, Geschäftsführer der Gerb Schwingungsisolierungen GmbH & Co. KG. "Einem Ingenieur irgendwo auf der Welt muss unser Firmenname einfallen, sobald er ein Problem mit Schwingungen hat". Deshalb arbeite sein Unternehmen mit vielen Ingenieurbüros zusammen. Zehn Niederlassungen hat das mittelständische Unternehmen weltweit, in fünf davon wird auch produziert. Somit ist Gerb in der Lage, Aufträge kurzfristig zu erfüllen, weil gleichzeitig an mehreren Ecken der Welt gefertigt werden kann. "Damit sind wir schneller als die Konkurrenz. " Und es verschafft dem Unternehmen auch Kostenvorteile. Die Löhne in Brasilien, Indien oder China sind wesentlich geringer. "Die dortigen Niederlassungen helfen, unseren Standort in Berlin zu sichern", sagt Schmidt. 32 Millionen Euro Umsatz erzielte die Gerb-Gruppe im vergangenen Jahr, die Hälfte davon in Deutschland. "Unser Wachstum kommt eindeutig aus dem Ausland", konstatiert der Geschäftsführer. Von Australien bis Zentralasien habe Gerb überall in der Welt seine Spuren hinterlassen. Auch in Osteuropa sind die Spezialisten längst angekommen. "Derzeit entwickelt sich das Geschäft mit Russland sehr positiv. Das Land saniert seine Kraftwerke und den Schwermaschinenbau. Dafür liefern wir die Schwingungsdämpfer", erklärt Schmidt. Mit der Zahlungsmoral ausländischer Auftraggeber habe Gerb keine Probleme. Meistens einigt man sich auf Vorauszahlungen. Manche zahlen auch erst bei Lieferung, wie zum Beispiel die russischen Kunden. Die Lkw-Fahrer, die die bestellte Ware in Berlin abholen sollen, bringen das Geld mit. Es kommt aber auch vor, dass sie es erst besorgen müssen. "Dann wohnen sie solange in unserem Gästezimmer", sagt Horst Schmidt. Die mittelständische Firma mit weltweit 320 Mitarbeitern, davon 130 in Deutschland, kann so schnell nichts erschüttern. Sie lässt sich auch nicht von Normen abschrecken, die den Einsatz ihrer Technik im Ausland verhindern. So gelang den Ingenieuren der Einstieg in die Erdbebensicherung in Argentinien. Sie sicherten ein Studentenwohnheim der Universität Mendozza gegen die Naturgewalten ab. Gerb entwickelte dafür eine Lösung, die das Beben vertikal und horizontal dämpft. Die bisherige Erdbebensicherung nach US-Norm wirkt aber nur horizontal. "Diese Norm galt auch in Argentinien. Unsere Technik passte da nicht hinein, also mussten wir dafür sorgen, dass die Norm geändert wird. Das haben wir über ein Projekt in Chile geschafft und uns so die Eintrittskarte nach Südamerika erworben", sagt Schmidt. Erdbebensichere Lösungen Folgeaufträge sind schon abzusehen. Dazu trug auch das letzte Erdbeben im japanischen Kobe bei. Die Gebäude waren nach der amerikanischen und japanischen Norm horizontal abgesichert. Trotzdem entstanden große Schäden, und zwar durch die vertikale Belastung. "Plötzlich fragten auf internationalen Tagungen viele Fachleute nach unserer Lösung. Es hat sich herumgesprochen, dass wir beides absichern können. " Die Gerb-Ingenieure rechnen damit, dass die Erdbebensicherung sich zu einem wesentlichen Teil ihrer Arbeit in den nächsten zehn Jahren entwickeln wird. Und sie hoffen auf neue spannende Projekte von mutigen Architekten in aller Welt. Schmidt: "Sie sollen wunderschön und verrückt bauen. Wir gehen dann hin und beseitigen die Schwingungen. "
Seit 100 Jahren Sitz in Reinickendorf // Horst Schmidt, 57, ist gebürtiger Berliner. Nach seinem Studium an der Freien Universität stieg er bei Gerb ein und wurde später Geschäftsführer. Er hat großen Anteil daran, dass die 100-jährige Firma aus Reinickendorf zum weltweiten Spezialisten für Schwingungsisolierungen wurde.
Als Vorsitzender des Ausschusses Außenwirtschaft der Berliner IHK unterstützt Schmidt Unternehmen, die ins Ausland exportieren wollen. In seiner Freizeit fährt er viel Rad. Der Technik-Freak liebt zudem Klassische Musik.
Berliner Zeitung, 26.07.2004
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