|
Im Werksverkauf der Ewald Schmidt Zierkerzenfabrik sind neben Schnäppchenjägern neuerdings auch Bastler willkommen Von Uta Alexander In den noch an Zille erinnernden Altberliner Hinterhöfen der Schönhauser Allee 55 findet sich ein ungewöhnlicher kleiner Betrieb: die Ewald Schmidt Zierkerzenfabrik. Die 1949 gegründete Produktionsstätte bietet seit vier Jahren ihr Sortiment auch im Werksverkauf an. Gedrehte Renaissance-Leuchterkerzen mit kleinen Makeln etwa kosten dort im Zweierpack statt 4,99 DM nur 50 Pfennig, andere Ware in vielen Größen, Formen und Farben gibt es um 30 Prozent billiger als im Handel, darunter handbemalte Figuren-Kerzen aus Asien oder Teelichte, die andere Hersteller beisteuern.Interessant für Leute, die das Besondere suchen, sind Nullserien von in Berlin neu entwickelten Kerzenformen, darunter ein eng umschlungenes Liebspaar im Jugendstil. Die Urform schuf ein Bildhauer extra für Schmidt-Kerzen. "Das Paar ist fast zu schön, um es schmelzen zu sehen", findet Geschäftsführer Ralf Strohwald. "Mancher kauft es tatsächlich nur zum Anschauen." Dabei haben die Kerzenmacher aus dem Prenzlauer Berg den Ehrgeiz, dass alle ihre Fabrikate auch wirklich dem Zweck gerecht funktionieren. Brennproben und Berechnungen, welche Art Docht für welche Kerze passt, sind ein Muss. Ungewöhnliche Kerzenformen verlangen besondere Sorgfalt. "Heiß begehrt sind unsere Stearinkerzen", beobachtet Strohwald. Der Rohstoff werde aus Palmöl gewonnen. Stearinkerzen brennen besonders lange und hell, rußen und tropfen nicht. Deshalb ziehen Kenner sie den Produkten aus Paraffin, das auf Erdöl basiert, vor.Nur noch wenige Hersteller in Deutschland bieten wie die Berliner Sonderanfertigungen an. Etwa Geburtstagskerzen, Hochzeits- oder Taufkerzen, nach Wünschen des Kunden individuell beschriftet und verziert. Etwa 30 DM kostet so ein Einzelstück, das sehr schwer ist, wie es sich für eine gute Kerze gehört. Aufwendige Handarbeit ist die Nische, die dem kleinen Anbieter im Wettbewerb mit großen Industriebetrieben das Überleben sichert. Beim Kerzenziehen und -gießen helfen neu angeschaffte Maschinen. Beim Beschriften, Dekorieren und Verpacken jedoch fallen viele Arbeitsschritte per Hand an. Einmalig, zumindest in Berlin, dürfte die jüngste Geschäftsidee des 40-jährigen Ralf Strohwald sein: Er baut derzeit einen 80 Quadratmeter großen Raum aus, damit dort Besucher unter Anleitung Kerzen selbst ziehen und verzieren können. "Kindern und Erwachsenen wird das Spaß machen", ist Strohwald überzeugt. "Kaum jemand weiß doch, wie eine Kerze entsteht." Schon häufig hätten Kunden seine Fabrikation besichtigen wollen, und er musste sie enttäuschen. "Schließlich ist es nicht ungefährlich, wir hantieren mit sehr heißen Flüssigkeiten", entschuldigt er sich. Ab 1. Februar öffnet nun sein informativer Schauraum, im dem auch der Werksverkauf, der seit Weihnachten ruht, Platz findet. Geplant sei ein kleines Eintrittsgeld für die Bastler. Für die selbst gemachten Kerzen werde der Preis nach Gewicht berechnet, erklärt der Firmenchef. Die Firma: Ewald Schmidt Zierkerzenfabrik OHG, Schönhauser Allee 55, 10437 Berlin, Tel.: 030/44 04 98 47; Öffnungszeiten ab 1. Februar 2000: Montag bis Freitag zehn Uhr bis 16 Uhr; Kerzen ziehen: Mittwoch 14 bis 19 Uhr; für Schulklassen oder Gruppen auch zu anderen Zeiten.
Welt, 10. Januar 2000 |