Leihäuser werden Dienstleister

Branche befreit sich aus der Schmuddelecke und nimmt jetzt auch Autos

Von Uta Alexander

Im Leihhaus von Guntram Goebel in Wedding klingelt das Telefon in diesen Januartagen weitaus häufiger als sonst. „Jetzt stehen viele Rechnungen an, Versicherungen müssen gezahlt werden. Die Leute brauchen Bargeld“, sagt Goebel, der im Verein Pfandbetriebe Mitteldeutschland den Vorsitz führt. Der Dezember dagegen war traditionell der Monat, in dem versetzte Pfänder wie Schmuck oder Digitalkameras wieder eingelöst wurden, weil es Weihnachtsgeld gab.
18 Leihhäuser gibt es derzeit in Berlin, zwei kamen seit 2000 dazu. Die Branche boomt. Längst ist sie aus der Schmuddelecke heraus. Spätestens seit der letzten Untersuchung der Stiftung Warentest hat sich herumgesprochen, dass sie die Vergabe von Kurzkrediten ausgesprochen unbürokratisch und verbrauchergünstig handhabt. So sind die Kundenzahlen der Berliner Pfandhäuser stetig steigend. Alle Berufs- und Altersgruppen, alle in der Hauptstadt vertretenen Nationalitäten zählen dazu, beobachtet der Experte. Ausgenommen seien nur arme Schlucker, die nichts zu versetzen haben, und schwer Reiche, die es nicht nötig haben.„
Wer allerdings glaubt, die Leihhäuser wären die Profiteuere der schlechten Wirtschaftslage, der irrt“, so Goebel. Genau das Gegenteil treffe zu. „Immer weniger Pfänder werden abgeholt, weil den Leuten das Geld ausgeht. Und bei Auktionen holen wir auch seltener die erhofften Summen herein.“ Kamen im Jahr 2000 noch sieben Prozent der Pfänder zur Versteigerung, so waren es 2001 schon neun Prozent.
Die durchschnittlich ausgereichte Kreditsumme liegt in Berlin bei 200 Euro. Das sind 40 Euro weniger als in Westdeutschland, aber 50 mehr als im Osten, wo die Bürger weniger kostbaren Familienschmuck besitzen. Der macht mit 95 Prozent den Löwenanteil der Pfänder aus und wird mit dem derzeit steigenden Goldpreis attraktiver. Fünf Prozent der Pfänder sind hochwertige Technik wie DVD-Recorder oder Digitalkameras. „Nicht alle Kollegen nehmen solche Ware an, weil sie moralisch rasch verschleißt und viel Lagerfläche braucht“, sagt Goebel. Auch die Berliner Leihhäuser hätten mit steigenden Mieten und Preisverfällen zu kämpfen.
Bundesweit sind Leihhäuser heute anerkannte Finanzdienstleister, die auf wachsende Umsätze verweisen können. 170 Leihhäuser sind Mitglied des Zentralverbandes des Deutschen Pfandkreditgewerbes. In diesem Jahr will die Branche etwa 380 Millionen Euro an Krediten ausgeben, fünf Prozent mehr als 2002.Relativ neu ist die Idee, Fahrzeuge für den Notgroschen flüssig zu machen. In Berlins 1. Kfz-Leihhaus am Steglitzer Damm ist das kein Problem. Hier werden Autos und Motorräder fast aller Fabrikate und Altersgruppen in Zahlung genommen, vom Luxusgefährt bis zum angejahrten Firmenwagen.
Und wie funktioniert der Pfandkredit? Pfandkredite sind Darlehen, die für einen Wertgegenstand gewährt werden, unabhängig von der Person des Eigentümers.
Im Durchschnitt liegt die Kreditsumme bei einem Drittel bis zur Hälfte des Schätzwertes des versetzten Gegenstandes. Vor allem bei kleinen Summen und kurzen Laufzeiten sind die Kredite vom Pfandleiher günstig. Für Darlehen bis 300 Euro stehen die Gebühren fest. Wird ein Pfand mit 100 Euro beliehen, kostet das den Kunden monatlich 3,50 Euro, bei 300 Euro zahlt er 9,50 Euro pro Monat. Bei Beträgen über 300 Euro können die Pfandleiher die Gebühren selbst kalkulieren. Anders als bei Bankkrediten brauchen die Kunden keine Gehaltsnachweise oder andere Finanzauskünfte vorzuweisen. Gezahlt wird nur für die Zeit, die das Pfand tatsächlich im Leihhaus ist. Der Kunde kann die vereinbarte Pfandzeit jederzeit verkürzen oder verlängern. Holt er sein Eigentum jedoch nie ab, kommt es zur öffentlichen Versteigerung. Ist der dabei erzielte Erlös höher als Darlehensbetrag plus Zinsen, steht der Überschuss dem Kunden zu.


Welt, 14. Januar 2003
 

 

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