Lebenslanges Lernen – für viele eine Utopie

Erster Deutscher Weiterbildungstag: Öffentliche Ausgaben sanken dramatisch

Zwei Ausbildungsversuche brach Manuel Werner aus dem baden-württembergischen Pforzheim ab. Die dritte Chance, einen Berufsvorbereitungslehrgang beim Internationalen Bund, nutzte er erfolgreich. Heute ist er in seinem Betrieb ein fachlich hoch geschätzter Zerspanungsfacharbeiter.

Manuel Werner ist einer von sieben „Vorbildern der Weiterbildung“, die anlässlich des 1. Deutschen Weiterbildungstages geehrt wurden. Die Auszeichnung übergab ihm Frank Rost, Torwart beim HSV. Auch er hat seine ganz persönlichen Erfahrungen mit der Weiterbildung. „Ich lerne Sprachen. Das ist die einzige Möglichkeit, mit den vielen ausländischen Spielern im Klub zu kommunizieren, die kaum Deutsch sprechen.“

Weiterbildung in Deutschland hat viele Gesichter. Für gut ausgebildete Facharbeiter und Hochschulabsolventen ist sie der Weg, im Job immer auf dem Laufenden zu bleiben und die Karriereleiter emporzusteigen. Für viele Menschen sind Kurse an der Volkshochschule oder anderen Bildungseinrichtungen eine Bereicherung des täglichen Lebens und eine Möglichkeit, sich neue Wissengebiete zu erschließen. Und für Jugendliche kann sie ein Mittel sein, verpasste Chancen wettzumachen und doch noch einen Berufsabschluss zu bekommen. Kurzum, Weiterbildung ist der Schlüssel zum lebenslangen Lernen.

Deshalb traf der 1. Deutschen Weiterbildungstag, der Mitte Juni bundesweit stattfand, auf die Zustimmung aller demokratischen Parteien. Die Initiatoren der Kampagne, der Bundesverband der Träger beruflicher Bildung (BBB) und der Deutsche Volkshochschulverband, riefen Bund, Länder, Kommunen, Unternehmen, Gewerkschaften und Kirchen zu einer Weiterbildungsoffensive auf. Dieses Anliegen unterstützte auch der Schirmherr, Bundespräsident Horst Köhler.

An 500 Orten fanden öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen statt, darunter Berlin, Hamburg, Dresden, Hannover, Essen, Frankfurt, Stuttgart und Nürnberg. Etwa 1 000 Bildungseinrichtungen beteiligen sich daran. Sie wiesen auf das große Potenzial der Weiterbildung hin. Aber sie verschwiegen auch nicht die Defizite. Etlichen Menschen bleiben Weiterbildungsangebote verwehrt. Langzeitarbeitslose, Migranten und ältere Menschen bekommen kaum eine zweite oder dritte Chance durch solide Bildung auf dem Arbeitsmarkt. Sie werden stattdessen mit Ein-Euro-Jobs und billigen Trainingsmaßnahmen abgespeist. Nur 4,5 Prozent der Langzeitarbeitslosen konnten 2006 an einer beruflichen Weiterbildung teilnehmen.

 „Das Wort vom lebenslangen Lernen ist in aller Munde. Aber die Praxis sieht leider anders aus“, konstatierte Prof. Dr. Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Volkshochschulverbandes. Die Weiterbildung in Deutschland stagniert seit Jahren. Von 2003 bis 2005 wurden die öffentlichen Ausgaben für Weiterbildung nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 20,3 Millionen Euro auf 15, 9 Millionen Euro reduziert. Im OEDC-Vergleich rangiert Deutschland im unteren Drittel auf Platz 23.

Auch das Bundeskabinett scheint Schwächen im Weiterbildungssystem erkannt zu haben. Es legte kürzlich ein Eckpunktepapier zum Bildungssparen vor. Demnach können Arbeitnehmer ab Sommer 2008 jährlich eine Prämie von 154 Euro für Weiterbildung beantragen, wenn sie selbst ebenso viel beisteuern. Das Angebot gilt für Jahreseinkommen bis 17 900 Euro (35 800 bei Verheirateten). Doch Experten bewerten das nur eingeschränkt positiv. „Das ist ein Programm für die gehobene Mittelschicht. Geringqualifizierte und Niedriglöhner bleiben außen vor“, kritisiert GEW-Vorsitzender Ulrich Thöne. Er schlug die Einführung eines ErwachsenenBAföGs vor. „Wir müssen viel mehr Menschen mit niedrigen Abschlüssen, Arbeitslose, Alleinerziehende und Migranten für die Weiterbildung gewinnen“, betont er.

Die schlechte finanzielle Situation in der Weiterbildung wirkt sich auch auf die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte aus. Nach Erhebungen der GEW sind seit 2002 rund 40 000 feste Arbeitsplätze in der Weiterbildungsbranche abgebaut worden. 75 Prozent der Lehrkräfte arbeiten auf Honorarbasis. Etwa die Hälfte erreicht trotz Hochschulabschluss nur Bruttoeinkommen von ca. 1 500 Euro monatlich.

Mit einem Branchentarifvertrag, auf den sich ver.di, GEW und die Zweckgemeinschaft im Bundesverband der Träger beruflicher Bildung im Februar dieses Jahres einigten, sollen die Arbeitsbedingungen endlich verbessert werden. Er regelt Arbeitszeit, Einstiegsgehälter und Urlaubsanspruch für Beschäftigte in der Verwaltung und im pädagogischen Bereich. Allerdings muss er noch für allgemein verbindlich erklärt werden. 

Katja Fischer

Erziehung und Wissenschaft 7-8/2007

 

http://www.gew.de/Binaries/Binary26717/ew_070807_.pdf

gew0707

Erinnerung an Luther: Sechs Thesen an der Rathaustür sollen Mahnung sein, dass der Weiterbildung in Deutschland endlich der gebührende Stellenwert gegeben werden muss.

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