Nach der Flaute eine frische Brise

Das Ost-Berliner Unternehmen Berliner Luft entwickelte sich zu einem der größten deutschen Hersteller von Luft- und Klimatechnik. Zu den Kunden gehört auch das Beisheim-Center am Potsdamer Platz

Von Katja Fischer

Vor zwölf Jahren kam der Bayer Michael Nagl nach Berlin, um einen Treuhandbetrieb zu kaufen. Angebote gab es reichlich, eine Firma war sanierungsbedürftiger als die andere und wartete auf einen Investor. Nagl entschied sich für die Berliner Luft, einen Hersteller von Geräten und Komponenten für die Luft- und Klimatechnik. Reich geworden ist er seitdem vor allem an Erfahrung. Immerhin: Seine Firma ist eine der wenigen, die im Lichtenberger Industriegebiet an der Herzbergstraße überlebten. "Trotz aller Schwierigkeiten habe ich meine Entscheidung nie bereut", sagt Michael Nagl heute.
Der Unternehmer ging zunächst daran, sich systematisch Standbeine in ganz Deutschland aufzubauen. "Der Ost-Berliner Betrieb war ja bis dahin im Westen völlig unbekannt", so Nagl. "Wir hatten gar keinen Markt." Also kaufte er in verschiedenen Regionen Konkursunternehmen seiner Branche auf, um einen Fuß in deren Absatzgebiete zu bekommen. Die Shopping-Tour führte nach Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Sachsen. Heute besteht die Berliner-Luft-Gruppe aus zwölf Unternehmen an acht Standorten in Deutschland. Sie beschäftigt bundesweit insgesamt 350 Mitarbeiter, davon 70 in Berlin, wo auch die Zentrale sitzt. Dazu kommen Produktionsstätten in Polen, Brasilien und ein Vertriebsstandort in Österreich.
Durch diese Expansion entwickelte sich Berliner Luft innerhalb weniger Jahre zu einem der größten Unternehmen der Lufttechnik und Klimabranche in Deutschland. Es arbeitet für bundesweit und international agierende Kunden in Anlagenbau, Industrie, Installation und Handel. "Wo Luft gefördert, verteilt, reguliert, klimatisiert und konditioniert werden muss, sind unsere Produkte und Komponenten gefragt", erklärt der geschäftsführende Gesellschafter. So tragen sie zu einem guten Klima auf dem Luxuskreuzer "Aida" ebenso bei wie auf dem Münchener Flughafen oder im Leipziger BMW-Werk. Aktuelle Projekte in Berlin sind das Beisheim-Center am Potsdamer Platz und der KPM-Neubau in Charlottenburg. Berliner Luft arbeitet für die Bau-, Auto-, Papier-, Chemie- und Tabakindustrie. Die Anwendungsmöglichkeiten der Technik sind schier unbegrenzt. "Wir sind der am breitesten aufgestellte Hersteller von lufttechnischen Komponenten und Geräten", unterstreicht Michael Nagl.
Trotzdem traf ihn die Krise in den letzten drei Jahren hart. Von 2001 bis 2003 brachen 20 Prozent der Aufträge aus Westdeutschland weg. 80 Kunden meldeten Konkurs an. Allein im vorigen Jahr musste die Berliner-Luft-Gruppe Forderungsausfälle in Höhe von knapp einer Million Euro verkraften. "Die Zahlungsmoral ist so schlecht wie nie", konstatiert der Unternehmer. Eine schwere Zeit nicht nur für die Firma, sondern auch für ihn persönlich. "Ich stehe mit Haut und Haar im Risiko. Mein Vermögen ist die Firma."
Die Banken standen zu ihm und halfen ihm, Auftragsengpässe zu überbrücken. Sie ließen sich vom Konzept des Unternehmers überzeugen. Nagl hatte nie einseitig auf den westdeutschen Markt gesetzt, sondern ist schon seit Mitte der 90er-Jahre in Polen präsent. Das kam in der Krise zupass. Aus Kostengründen verlagerte er 2001 die Ventile-Vorfertigung ins Nachbarland. 200 Mitarbeiter beschäftigt er dort in den beiden Produktionsstätten Koszalin und Niemodlin. "Die Löhne sind dort moderater, Arbeitszeiten und Arbeitsrecht flexibler als in Deutschland", begründet er den Schritt. Und die Facharbeiter seien ebenso gut qualifiziert wie hier zu Lande.Inzwischen betrachtet Nagl Osteuropa sogar als den kommenden Zukunftsmarkt für seine Unternehmensgruppe. Polen spiele dabei als Produktionsstandort eine Schlüsselrolle. "Schon heute wird dort nur ein Drittel für unsere deutschen Kunden produziert. Ein Drittel bleibt in Polen und ein Drittel geht nach Österreich und Tschechien. In Zukunft sollen auch andere osteuropäische Länder beliefert werden", erklärt er seine Strategie, die ihn unabhängig vom deutschen Inlandsmarkt machen soll.In den deutschen Niederlassungen mussten in den vergangenen drei Jahren 120 Stellen abgebaut werden. Die Produktions- und Logistikabläufe wurden optimiert. Nagl: "Um am Markt zu bestehen, müssen wir viel schneller sein. Früher hatten wir für einen Auftrag zehn bis 30 Tage Zeit. Heute rechnen die Kunden in drei bis zehn Tagen mit der Lieferung." Die Arbeitsintensität habe sich in allen Bereichen erhöht, darauf musste sich das gesamte Team einstellen.
Michael Nagl betrachtet das als Chance. "Dieser Restrukturierungsprozess war dringend nötig. Die Krise hat uns gezeigt, wo wir etwas verändern müssen. Wir machen jetzt vieles effizienter als vorher. Beispielsweise ist unser Forderungsmanagement professioneller geworden. Wir gehen viel vorsichtiger mit Kundenkrediten um, um uns vor Ausfällen zu schützen." Für dieses Jahr sieht er wieder einen kleinen Silberstreif am Horizont. "Das zweite Halbjahr läuft bedeutend besser an als das erste. Wir werden wohl gut über den Winter kommen."
Das Firmengelände der Berliner-Luft-Gruppe mit seinem Bürohochhaus an der Herzberg-/Ecke Siegfriedstraße hat sich zum Symbol der Hoffnung am ehemaligen Industriestandort in Lichtenberg entwickelt. Es ist nicht nur Arbeitsplatz für die 70 Berliner Mitarbeiter des Unternehmens. 15 Fremdfirmen haben sich eingemietet, die ihrerseits insgesamt 350 Stellen geschaffen haben. So avancierte ein ehemaliger Treuhandbetrieb zu einem der größten Arbeitgeber im Kiez.

Welt am Sonntag, 16. November 2003
 

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