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Auf die Optik kommt es an
Neben Mailand und Rom hat Berlin für modemutige Brillenträger am meisten zu bieten/ Der Urberliner mag's zeitlos und praktisch
Von Uta Alexander
Trendsetter der Welt, schaut auf diese Stadt! Berliner tragen die angesagtesten Brillen. Entsprechend ist das Angebot. Ein Szenenkiez ohne Optiker – undenkbar. Insgesamt gibt es in der Hauptstadt rund 450 meist mittelständische Geschäfte.
„Nur in Mailand oder Rom ist das Interesse an modischen Gestellen so groß wie hier“, sagt Daniela Gerecke von der Brillenwerkstatt Kähler & Meier in der Dircksenstraße. Das Areal am Hackeschen Markt sei eine Top-Gegend für die Branche. „Es kommen viele Leute Mitte 20, die eine Brille kaum länger tragen als ein Jahr. Und viele Touristen, die typisch Berlinisches suchen“, so die Optikermeisterin. Letzteren zeige sie Modelle von ic! berlin glasses. „Bei Japanern liege ich damit immer richtig.“ „Die Marke macht Staat bei Auswärtigen, die auf ausgeflippte Sachen stehen“, weiß auch der Verkäufer von „Heiko Stummbeck“. Das Optikergeschäft in der Uhlandstraße führt vorwiegend eine eigene Kollektion in dänischem Design.
Die 1997 in Berlin gegründete Brillenfirma ic! ist mittlerweile weltweit im Geschäft. „Asien, Amerika, Marokko... Dort trägt sogar der König ein Modell von uns. Auch viele Hollywoodgrößen sind Kunden. Also, es läuft super“, schwärmt Marketingchefin Carolin Hauber. Ic-Brillen, in Berlin entworfen und produziert, sind nie mainstream. Gerade gibt Armani den Marinelook als Fashion-Trend aus. Matrosenkleider werden mit sportlich verspiegelten oder blau verlaufenden Sonnengläsern kombiniert. Moschino propagiert die Weiblichkeit der 60er Jahre mit rot getönten und weiß gerahmten Brillen. Da kommt ic! mit einer Kollektion, deren Design an Autoscheinwerfer und Kühlerhauben angelehnt ist. „Wir sprechen eine Klientel an, die für Design und Style Geld ausgibt“, erklärt Carolin Hauber. Alltagstauglichkeit verstehe sich von selbst: „Alle unsere Brillen besitzen ein Gelenk, das ohne Schrauben auskommt. Sehr flexibel, patentgeschützt.“
Während man in der City für eine trendige Sehhilfe tief in die Tasche greift, rutscht in anderen Berliner Bezirken die Schmerzgrenze deutlich nach unten. „Mehr als 200 Euro will hier kaum einer für eine Brille ausgeben“, meint Optiker Andy Kralack von Mars Optic Ostkreuz. Nicht mit trendigen Gestellen, sondern mit komplizierten Gläsern verdiene er sein Geld. Zum Beispiel solchen, die mehrere Sehstärken vereinen.
„Die Brille als Accessoire – das war einmal“, konstatiert auch Katrin Schulz, Optikerin in „Brille am Kollwitzplatz“, wo inzwischen selbst Besserverdienende Mühe hätten, die steigenden Mieten aufzubringen. Die Kundschaft kaufe seit drei Jahren extrem konservativ. „Keine Schnörkel, kein Logo, schlichte Formen. Die Brille soll zeitlos sein. Man hofft, sie in zehn Jahren noch tragen zu können“, sagt Schulz. Am besten verkaufe sie derzeit randlose Brillen, Marke Stoiber und Westerwelle. Nach Angaben der Berliner Optikerinnung, die 278 Betriebe vereint, lässt man sich mit der Anschaffung einer neuen Brille mehr als vier Jahre Zeit. Sinnvoll wären zwei, wegen der natürlichen Änderung der Sehschärfe. Während man früher bei der Gelegenheit gern auch das Gestell wechselte, werden jetzt die neuen Gläser in den alten Rahmen eingepasst.
Kralack schielt nicht mehr krampfhaft nach der Szene: „Wo keine ist, kann man keine reinprügeln.“ 2002, bei der Eröffnung von Mars Optic im Victoria Centrum Ostkreuz wollte er noch „Menschen mit Visionen vom idealen Planeten“ mit „genialen Brillen zu fairen Preisen“ ausstatten. Jetzt versteht er sich in erster Linie als Profi, der jung und alt zu gutem Sehen verhilft. Sein Partner Björn Bock ist ein in der Optikstadt Jena ausgebildeter Meister.
„Seit mit der Gesundheitsreform die Zuzahlung zu Brillen wegfiel, gibt es Umsatzeinbrüche um die Hälfte“, konstatiert Augenoptiker Kralack. Die großen Ketten machen Druck. „Nur wer die Preise der Großen mit dem Service der Kleinen kombiniert, überlebt. Es heißt, bis zum Jahresende könnten 20 Prozent der Optiker aufgeben“, so Kralack. Verträglichkeitsgarantien, Express-Anfertigung, Teilzahlungsmodelle, Brillenversicherungen und kostenlose Sehtests sind inzwischen üblich. Der 30 Jahre alte Berliner Familienbetrieb MC optique in Neu-Westend bietet sogar Heimservice. Eine Auswahl von Brillen kann mit nach Hause genommen und im Freundes- oder Familienkreis probiert werden. Das Sortiment wurde um Geschenke wie Brillenketten, Reinigungsgeräte oder Ferngläser erweitert.
Kralack, der seine Leidenschaft für Ausgefallenes doch nicht ganz verleugnen kann, betreibt als Extra-Service Brillensuche auf Kundenwunsch. Kürzlich trieb er für einen Öko-Freak eine Holzbrille aus dem Sortiment einer Pariser Manufaktur auf. Auch für einen Individualisten, der ein ganz bestimmtes altes Porschemodell wollte, wurde er fündig.
Welt am Sonntag, 20.5.04
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