Augenoptiker kämpfen um ihre Existenz

Die meisten stellen sich auf eine wählerische Käuferschaft ein und verstärken den Kundenservice

Von UTA ALEXANDER

Die Brille ist längst mehr als nur eine Sehhilfe. Augengläser gelten als Statussymbol und modisches Accessoire. Wer auf sich hält, besitzt in der Regel zwei oder drei Brillen und dazu mindestens eine Sonnenbrille.
Die Brillengeschäfte an den hippen Standorten in der Stadt sind gut frequentiert. Jüngst eröffnete die renommierte Berliner Kette „Brille 54“ in den Rosenhöfen eine neue Filiale. Wie schon am Kudamm und in der Friedrichstraße setzt sie damit auf eine gutbetuchte Käuferschaft.„Selbst Geschäfte an Top-Standorten müssen in Berlin nicht zwangsläufig super laufen“, sagt Alexander Ceccarelli, Geschäftsführer der Augenoptiker-Innung Berlin. Der Markt sei differenziert und ziemlich unberechenbar.Insgesamt verzeichne die Branche in Berlin Umsatzrückgänge. „2002 war ein schlechtes Jahr im Vergleich zu 2001. Und das war auch schon nicht gut.“ Auch bundesweit stagnieren die Geschäfte bei Umsätzen von jährlich ca. vier Mrd. Euro. Damit könne man aber im Vergleich zu anderen Branchen noch zufrieden sein, befindet der Zentralverband der Augenoptiker ZVA.Wegen der allgemeinen Konsumzurückhaltung wird der Wiederbeschaffungsrhythmus bei Brillen größer, konstatiert Ceccarelli. „Die Leute warten jetzt im Durchschnitt vier statt zwei Jahre, ehe sie sich eine neue Brille anschaffen.“ Katastrophal habe sich der Wegfall der Zuzahlung der gesetzlichen Krankenkassen zur Anschaffung von Gestellen ausgewirkt, eine Folge der Gesundheitsreform.
Doch wer eine Brille braucht, kommt nicht drum herum, irgendwann eine anzuschaffen. Bildschirmarbeiter, Kinder und ältere Menschen müssen alle zwei Jahre ihre Sehstärke kontrollieren lassen. Danach sind meistens neue Gläser fällig. Die knapp 450 Augenoptiker in Berlin, darunter 300 Innungsbetriebe, stellen sich auf die Situation ein. Natürlich sind auch die großen bundesweiten Herstellerketten in der Hauptstadt präsent. Überproportional vertreten bleiben aber weiter meist kleinere Firmen, in denen nur der Inhaber und ein Mitarbeiter oder maximal 6 bis 9 Beschäftigte tätig sind.
Viele kämpfen angesichts des harten Wettbewerbs um ihre Existenz. Ceccarelli: „Sie wenden jetzt sehr viel Kraft für die Kundenbetreuung auf.“ Optiker setzen auf kostenlose Sehberatung und „Brillen aus einer Hand“ an. Das heißt, sie verkaufen Brillen ohne Rezept vom Augenarzt. Ihr Service reicht von der Brillenglasbestimmung über die Finanzierung, Versicherung bis hin zur Abstimmung mit den Krankenkassen. Die Optikermeister sind dazu berechtigt. Ihre Ausbildung lässt sie Auffälligkeiten am Auge erkennen. Bei Unklarheiten werden sie die Kunden stets an den Arzt verweisen.In diesem Jahr gelang dem ZVA ein wichtiger Sieg. Er konnte den Vertrieb von Fertigbrillen unterbinden. Ceccarelli: „Diese Gläser von der Stange, die es für ein paar Euro in Kaufhäusern gab, sind eine Gefahr für die Gesundheit und die Sicherheit im Straßenverkehr. Außerdem stellten sie eine unlautere Konkurrenz für das solide arbeitende Optikerhandwerk dar.

Welt, 24. Dezember 2002

 

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