Vollkornbrot mit Möhrenraspeln

Was osteuropäische Schüler an Deutschland lieben

Von Uta Alexander

„Ich brauche Geld, ich brauche Arbeit“, jammert der Pole Jan Kowalski. Seine Frau hat ihn rausgeworfen, weil er nichts verdiente. Jetzt hockt er trübsinnig auf der Treppe zum Berliner Dom und lässt die Augen schweifen ñ bis sie an einem wohl gerundeten Frauenpopo hängen bleiben und aufleuchten: Naht da sein Glück?

Cut, Szenenapplaus. Kowalski ist in Wirklichkeit Andrej (16) Schüler aus Mazedonien. Zusammen mit 51 anderen Gewinnern nationaler Deutsch-Olympiaden aus 17 Ländern Mittel-, Süd- und Osteuropas nimmt er gerade an einer dreiwöchigen Sommerakademie in Berlin teil. Der Preis ist hart erarbeitet. Die Stipendiaten mussten sich gegen rund 40 000 Rivalen durchsetzen, denn Deutsch ist als Fremdsprache die Nummer zwei in Europa.

Kowalskis Jobsuche ist der Rahmen für einen Film, mit dem sechs der Teenager ihr Deutschlandbild skizzieren wollen. „Er wird zwei Enden haben, ein gutes und ein schlechtes. Ähnlich wie der Film „Lola rennt““, erklärt Kameramann Vasja (16), ein Ukrainer.

Das ist Film. In der realen Welt gibt es Deutschland heute von der Sonnenseite: Pink-weiß leuchtet die noch immer als Fußball verkleidete Kuppel des Berliner Fernsehturms, Baukräne rotieren, gut gelaunte Touristen fluten den Boulevard Unter den Linden. Das Brandenburger Tor wirkt dick und gemütlich statt einschüchternd pathetisch. „Kowalski“, der schwarz gelockte Mazedonier, schlendert entspannt durch die einstige Systemgrenze.

„Alles ist so ordentlich und sauber, die Leute sind so elegant und selbstbewusst“, findet Agnieszka aus Warschau. „Besonders die Männer.“ Die 16-Jährige liebt deutsches Brot mit Möhrenraspeln drin, deutsche Butter und Ritter-Sport-Schokolade, die deutsche Nationalelf und München.

Jerko (15) aus Kroatien liebt das Gedicht von der kleinen Dickmadam. Als kleiner Junge hat er viele deutsche Zeichentrickfilme geguckt: „So ist mir die Sprache ans Herz gewachsen.“ Istvan aus Rumänien liebt Metaphern aus Goethes Faust und glaubt, dass sie zur Allgemeinbildung eines jeden Deutschen gehören.

Die Ungarin Kinga (17) misstraut vorgefassten Meinungen: „Viele denken, in Ungarn laufen überall Wildpferde frei herum. Ich habe noch keins gesehen. Also darf man auch nicht alles glauben, was man über Deutschland hört.“

Trotzdem war sie dafür, als sich das Filmteam erwachsene Begleitung für den morgigen Drehtag in Neukölln ausbat, wo Kowalski laut Plan Ärger bekommen wird. Die Teenager stellen sich eine Art Arbeitslosen-Ghetto mit hohem Aggressionspotenzial vor. „Dort gibt es Leute, die gern Beute machen“, meint Vasja unter dem Eindruck des Streifens „Knallhart“. „Ich habe Angst um die Kamera.“

„Vielleicht wird er morgen enttäuscht sein, wenn nichts passiert“, lacht Ondra Kotas. Der 35-Jährige lehrt Deutsch am Goethe-Institut in Prag. Dieser Sommerkurs in Berlin ist bereits sein zweiter. Kotas spürt den Wandel in Osteuropa: „Was Klamotten, Styling und elektronische Ausrüstung angeht, sind die Jugendlichen dort voll im Trend. Was sie abhebt, ist ihre Art: Sie sind höflich, respektvoll, begeisterungsfähig, ungemein interessiert und belesen. Die gehen freiwillig in jedes Museum! Und sie wirken offener und selbstständiger als noch vor zwei Jahren, weniger schüchtern.“

Ein Traum für jeden Lehrer: Junge Leute mit unterschiedlichen Muttersprachen, die Deutsch untereinander mühelos gebrauchen und einzelne Worte geradezu genießen. Zum Beispiel „geradeaus“, weil es so deutsch ist. „Blutgrätsche“, weil es cool ist. „Fußballmannschaftsschifffahrt“, weil es eine ganze Geschichte erzählt. Oder „Sehnsucht“, weil es so romantisch ist. „Ich kannte nur das Gefühl. Jetzt kenne ich das richtige Wort dafür“, sagt ein Junge. „Die deutsche Sprache ist nicht grob, wie viele meinen“, findet Martina aus Kroatien.

„Sie sind die besten der Besten von Riga bis Belgrad“, schwärmt Lehrer Kotas für seine Schüler auf Zeit. „Man kann ihnen, was die Sprache angeht, kaum noch etwas beibringen.“ Also zieht er andere Register: Projektarbeit, Teamarbeit und Diskussionen. „Osteuropäer kennen sonst eher strengen, strukturierten Unterricht“, sagt er.

Weitgehend unbeeindruckt von Imbissbuden und Shops, wo die WM-Souvenirs nur noch die Hälfte kosten, ziehen Andrej, Vasja, Jerko und die Mädchen ihr Kowalski-Drehbuch durch. Wird man in Deutschland zum Perfektionisten? Kinga pariert selbstbewusst: „Vielleicht waren wir das ja immer schon.“
 
Frankfurter Rundschau 15.08.2006
 

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