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Schulstrukturen in Bewegung – Mentalitäten im Wandel Sigrid Strauß und Bernd Viet sind im Stress. Die beiden Berufsschullehrer aus Hamburg schreiben einen Teil des Schulgesetzes ihrer Stadt neu. Dazu haben sie ein breites Bündnis von Unterstützern aus vielen Bereichen der Gesellschaft organisiert und eine Volksinitiative ins Leben gerufen. „Unser Ziel ist, dass es im Jahr 2009 ausschließlich Gemeinschaftsschulen in Hamburg gibt und die Gymnasien vollständig abgeschafft sind“, sagt Bernd Viet. Der Zeitdruck ist groß. Am 30. Oktober 2007 startet die Volksinitiative mit dem neuen Gesetzentwurf. Und sie hat gute Chancen, sich durchzusetzen. Die beiden Hamburger waren nicht die einzigen, die auf der GEW-Konferenz „Schulstruktur in Bewegung – Mentalitäten im Wandel?“ von Initiativen und Netzwerken berichteten, die das selektive Schulsystem in Deutschland verändern wollen. Nach Jahrzehnten endloser Diskussionen scheint jetzt ein Paradigmenwechsel einzutreten. Unter dem Motto „Wenn die Politiker nicht handeln, machen wir es eben“ nehmen engagierte Bürger die Sache nun selbst in die Hand. In Berlin gibt es einen von der GEW initiierten Runden Tisch, der für die gemeinsame Schule für alle eintritt. Auch in der Hauptstadt stehen die Chancen gut, denn anders als in Hamburg hat dort die Regierungskoalition den Einstieg in die Gemeinschaftsschule beschlossen. Im August 2008 sollen die ersten starten. In Bielefeld forderten Eltern eine Schule für alle, weil sie es nicht länger hinnehmen wollten, dass Kinder schon in der Grundschule danach sortiert werden, ob sie Migranten sind oder nicht. Aus dieser lokalen Initiative entwickelte sich innerhalb weniger Jahre das landesweite NRW-Bündnis „Eine Schule für alle“. Im Flächenland Schleswig-Holstein sind die ersten sieben Gemeinschaftsschulen schon an den Start gegangen. Mit ihrer langen Phase des gemeinsamen Lernens und innerer Differenzierung sind sie eines der am weitesten entwickelten Modelle einer Schule für alle. Sogar im konservativen Baden-Württemberg ist Bewegung. Dort stehen die Hauptschulen auf dem Prüfstand. Fast 100 Schulleiter aus der Region Ravensburg-Oberschwaben schrieben einen offenen Brief an das Kultusministerium, weil sie die Hauptschule für überholt halten und sich für ein integriertes Schulsystem einsetzen. Unterstützung bekamen sie aus vielen Teilen der Gesellschaft von Elternvertreten, Gewerkschaftern, Kollegen, aber auch von Kommunen, dem Handwerkstag und Wissenschaftlern. Solche Beispiele sorgten in Göttingen für eine gewisse Aufbruchstimmung unter den Teilnehmern der Konferenz. Viele überlegen, wie jetzt Netzwerke geknüpft und Allianzen gebildet werden können, um endlich in Deutschland einen Mentalitätswandel in Richtung Gemeinschaftsschule zu erreichen. „Die Schulstrukturfrage ist in der praktischen Politik und an der Basis angekommen und entwickelt dort eine erstaunliche Dynamik“, konstatierte Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der GEW. Trotzdem ist der wissenschaftliche Streit noch nicht ausgestanden. „Die Verfechter des selektiven Schulsystems bekommen derzeit Unterstützung von Teilen der Erziehungswissenschaft“, meint Marianne Demmer. Dabei entzündet sich die Debatte oft am Gymnasium. So geht Prof. Dr. Wilfried Bros, Geschäftsführender Direktor der Universität Dortmund davon aus, dass das Gymnasium in Deutschland kaum abschaffbar ist, weil es eine 140-jährige Tradition hat. Er hält ein zweigliedriges Schulsystem für einen realistischen Kompromiss. „Wer das will, zementiert das Gymnasium“, sagt dagegen Prof. Dr. Hans-Günter Rolff, Vorsitzender der Akademie für Pädagogische Führungskräfte. Er ist ein Anhänger der Gemeinschaftsschule für alle. Die Gymnasien sollten darin einbezogen werden. Viel diskutiert wird unter Wissenschaftlern auch die Frage, ob erst der Unterricht an den Schulen verbessert werden und dann die Schulstruktur verändert werden sollte oder umgekehrt. Auch auf dem Kongress gab es dazu zwei Meinungen. Prof. Bros sieht das Hauptproblem im schlechten Unterricht in Deutschland. „Ich würde mich erst um den Unterricht kümmern und dann um die Strukturen“, sagte er. Prof. Rolff hielt dagegen: „Besserer Unterricht bringt den Schülern nicht mehr Chancengleichheit. Dazu muss man die Schulstrukturen ändern.“ Tröstlich ist angesichts dieser Debatten das Beispiel Schweden. Denn es zeigt, dass es tatsächlich möglich ist, zu einem Ergebnis zu kommen. Dort gab es vor 1962 noch ein ähnliches dreigliedriges Schulsystem wie heute in Deutschland. Jetzt lernen die Schüler bis zum 16. Lebensjahr gemeinsam und 95 Prozent der Jahrgänge absolvieren danach die Gymnasialschule. „Was ist das Geheimnis“, wurde Mats Ekholm, ehemaliger Generaldirektor der schwedischen Schulbehörde, auf der Konferenz gefragt. „Es steckt in unserem Leitbild von Schule. Sie soll jedem Kind eine maximale Entwicklung ermöglichen. Die Menschen ändern sich, deshalb muss sich auch die Schule verändern. Wenn in Deutschland die Menschen so sind wie vor hundert Jahren, dann können sie ja weiter mit ihrem alten Schulsystem leben. “ Katja Fischer
Erziehung und Wissenschaft 10/2007
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