Punkrock wirbt für die Idee

Schule ohne Rassismus: zum Beispiel Brandenburg

Eines Morgens prangte plötzlich ein Graffiti an der Turnhalle: „U 28!“, der Code für „Blood & Honour“, abgeleitet aus „Blut und Ehre“, einst Motto und Grußformel der Hitlerjugend. „Das war aber der einzige rechte Vorfall“, sagt Henry Hirsch, Schüler an der Regine-Hildebrandt-Schule in Birkenwerder. „Es gibt bei uns keine ‚Glatzen’. Niemanden, der rechtsextreme Parolen verbreitet, keine Diskriminierungen oder Übergriffe auf Schwächere und auch keine ‚Schlagvideos’, wie sie an anderen Schulen per Handy gedreht werden.“

Seit Dezember vorigen Jahres trägt die Hildebrandt-Schule im ländlich anmutenden Nordwesten Berlins den Titel „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“.

Schülerin Judith Benda, inzwischen schon Studentin, stieß die Bewerbung damals an. „70 Prozent der Leute mussten dafür sein“, sagt Henry Hirsch, Judiths Nachfolger als Schülersprecher. „Also fragten wir alle: 525 Schüler, 60 Lehrer, die Sekretärin, die Putzfrauen und den Hausmeister. Die meisten unterschrieben sofort.“ Schulleiter Hansjörg Behrendt freut sich über das Engagement der Schüler: „Die Idee kam ganz allein aus ihrer Mitte. Wir Lehrer werden zwar einbezogen, unterstützen das Projekt auch. Aber den Hut haben die Schüler auf.“
Schülersprecher Henry Hirsch, der gerade seine Abi-Prüfungen hinter sich hat, erklärt sich das so: „Das Anliegen passt einfach zum Schulklima.“ Die Ganztags-Gesamt-Schule mit gymnasialer Oberstufe, entstanden aus der Zusammenlegung mehrerer Schulen, darunter einer Spezialeinrichtung für Körperbehinderte, nennt sich heute integrativ-kooperativ. Sie gehört zu einem Netzwerk mehrerer Schulen, in denen Schüler und Schülerinnen mit Behinderungen den normalen Unterricht mitmachen. „Die fühlen sich hier genau richtig“, sagt Henry. „Sie sind nicht ausschließlich mit Behinderten zusammen. Aber sie kommen sich auch nicht vor wie auf dem Präsentierteller, weil sie einfach mal nicht die einzigen mit einem Problem sind. Gerade in der Pubertät, wo jeder denkt, er sei ein Außenseiter, tut das gut.“

Für das Pädagogenteam in Birkenwerder war der Weg zu dieser Art Schule ein Prozess voller Innovationen wie z.B. Auflösung der Klassenstruktur zugunsten einer Jahrgangsstruktur mit wechselnden Lerngruppen, Abschied vom Einzelkämpfertum, Projektunterricht und Förderplänen, hart gepflastert mit Fortbildungen, Konferenzen und kontroversen Diskussionen. Er erstreckte sich im Rahmen eines Schulversuchs über sechs Jahre und nimmt teilweise vorweg, was auf Lehrer zukommt, die sich für die Idee „Eine Schule für alle“ einsetzen.

Auch in Henrys Klasse waren Behinderte, darunter Patricia. „Nach einer Weile spielte es keine Rolle mehr, dass sie kleinwüchsig ist und im Rollstuhl sitzt. Man sah einfach nur, wer sie ist und wusste, was sie denkt“, sagt der 19-Jährige. Ein Film über einen Tag in Patricias Leben, den ihre Mitschüler mit ihr drehten, öffnete vielen die Augen dafür, wie es ist, als Teenager nicht einfach mal „in der Stadt“ eine angesagte CD kaufen zu können wie alle anderen, weil man an steilen S-Bahn-Treppen scheitert. Oder kein Fastfood aus dem Automaten ziehen zu können, weil man nicht rankommt. Patricia, die nach der zehnten Klasse eine Lehrstelle antrat, zeigte die Courage, Hilfe zu fordern – und anzunehmen. Henry lernte, darauf zu achten, ob jemand seine Unterstützung braucht, eine Tatsache, die auch bei seiner Bewerbung um eine duale Ausbildung positiv auffiel.

Der neue Schultitel ist für ihn kein Etikett und schon gar keine reine Zweckübung, die nur Geld in die Kasse spült. „Es sind überhaupt keine Zuwendungen damit verbunden, sondern eigentlich nur Arbeit, die in die Organisation von Projekten gegen Diskriminierung und Rassismus investiert werden muss. Sogar das Schild für die Schultür mussten wir selber kaufen“, erklärt er.

Henry startete ein Punkrock-Konzert an der Schule. Jede Band, die antrat, hatte 15 Minuten, um sich zu präsentieren. Genug Zeit, um drei, vier Titel zu spielen. Einer davon sollte das Thema Toleranz zum Inhalt haben, das, wie sich zeigte, viele Facetten hat. „Musik zieht immer, ganz klar. Wir machen damit nichts Aufgesetztes, sondern etwas, das uns auch privat interessiert. Zu einem Workshop wären bestimmt nicht so viele Leute gekommen“, lacht Hirsch. „Und wir hätten dafür niemals soviel Aufmerksamkeit gekriegt.“

Die Hildebrandt-Schule machte Schlagzeilen mit dem Toleranz-Projekt, das im Kleinen nachvollzieht, was weltweit läuft: Rockprominenz engagiert sich für politische und soziale Ziele. Nur ist es viel cooler, wenn da die Jungs aus der eigenen Schule auf der Bühne stehen. Fernsehen und Presse rückten an, und, ganz wichtig, reichlich Gäste aus anderen Schulen im Speckgürtel Berlins: Hennigsdorf, Velten, Frohnau, Waidmannslust... „Das Feedback war gigantisch“, so Henry. „Viele sagten, so was würden sie bei sich auch gern haben. Zuhause redeten sie dann mit ihren Freunden. Schon darüber, dass offizieller Pate der Hildebrandt-Schule ist und öfter vorbeikommen will. Oder dass die Sieger professionelle Studioaufnahmen bei einem Musikproduzenten machen dürfen. So trägt sich auch die Idee weiter.“

Fotos vom Konzert zeigen Jungs und Mädchen in Rollstühlen in den vorderen Reihen. „Dafür muss man schon sorgen, dass die was sehen, logisch“, sagt Organisator Henry. Er selbst sah kaum etwas, weil er backstage beschäftigt war. „Ich hatte ja vorher keine Ahnung, was alles dazugehört!“ Verpflegung, Medizinisches und Sanitäres, Ausweise aller Gäste einsammeln, Ordner einteilen, die Polizei der Gemeinde informieren, Zigaretten und Alkohol im Gebäude verbieten... Alles lief super, insgeheim befürchtete Krawalle blieben aus, die Schule blieb sauber.

Die gelungene Aktion in Birkenwerder schlägt nun Wellen. Demnächst wird es im Kreis Oberhavel die Aktion „Kreis ohne Rassismus“ geben, bei der mehrere Schulen mitwirken. „Großes Konzert, Fußballturnier, Spendenmarathon, Schulpäsentationen“, zählt Henry die geplanten Aktivitäten auf. Ehe er seine Ausbildung antritt, gibt er sein Know-how weiter, so wie vor ihm Judith es getan hat. „Robin Miska ist 14 und sehr engagiert“, sagt Henry. „Ich hoffe, er wird als Schülersprecher gewählt.“ Das hilfreichste Instrument für den Nachfolger wäre Henrys Telefonnummern-Liste der Kontaktleute an befreundeten Schulen. „Das Bündnis zählt“, sagt Hirsch. „Man darf nicht vergessen, dass der NPD-Landesverband Brandenburg seinen Sitz in Birkenwerder hat.“

Uta Alexander

 

„Spieler können Vorbilder sein“

E&W-Interview mit dem Ex-Nationalspieler Marco Bode

o Welche Schulen, die sich am Netzwerk „Schule ohne Rassismus- Schule mit Courage“ beteiligen, unterstützen Sie als Pate?
Ich bin Pate zweier Schulen in Bremen und einer Schule in meiner alten Heimat im Harz.

o Warum engagieren Sie sich für das Projekt?
Ich möchte den Kindern und Jugendlichen zeigen, dass ich ihr eigenes Engagement sehr gut finde.

o Wie sieht die Patenschaft konkret aus? Ist es eine einmalige Sache oder begleiten Sie die Schüler über eine längere Zeit?
Um ehrlich zu sein, habe ich beruflich und mit anderen Projekten sehr viel zu tun, so dass ich mich im Alltag kaum wirklich eingebracht habe. Ich hoffe, dass die Schulen trotzdem mit meiner Patenschaft etwas bewegen können.

 o Wie kam der Kontakt zustande?
Die Schüler sind auf mich zugekommen.

o Wie können Sie dazu beitragen, dass Projekt „Schule ohne Rassismus“ in der Öffentlichkeit bekannt zu machen?
Durch solche Interviews oder auch in öffentlichen Diskussionen, zum Beispiel zum Thema "Fußball und Rassismus".

 o Als Fußballprofi sind Sie nicht nur durch sportliche Erfolge, sondern auch durch besondere Fairness und Toleranz aufgefallen (nur 10 Verwarnungen in 379 Spielen). Wie geben Sie diese Werte an die junge Generation weiter?
Das lässt sich nicht genau beschreiben, ich versuche bei allem, was ich tue, diese Werte des Sports und Fußballs zu vermitteln und zu kommunizieren.

o Fremdenfeindliche Sprüche auf dem Fußballplatz sind leider immer wieder zu hören. Ihr ehemaliger Club Werder Bremen hat jetzt eine Unterschriftenaktion gegen Rassismus ins Leben gerufen. Ein nachahmenswertes Beispiel für andere Clubs?
Auf jeden Fall. Die Vereine haben durch ihre Popularität und ihren Zugang zu jungen Menschen eine große Chance, positiven Einfluss zu nehmen. Das gilt natürlich auch für die Spieler, die ja große Vorbilder sein können. Unterschriften können da ein Zeichen setzen, am wichtigsten ist aber eine durchgehende Haltung gegen Rassismus einzunehmen. Katja Fischer

 

„Es geht darum, eindeutig Position zu beziehen“

E&W-Interview mit dem Bürgermeister der Stadt Hennigsdorf, Andreas Schulz (SPD)

o Warum wurden Sie Pate der Albert-Schweitzer-Oberschule in Hennigsdorf?
Schüler und Lehrer kamen auf mich zu und ich habe gern zugesagt. Anti-Rassismus und Courage sind Grundsätze, die Tag für Tag gelebt werden müssen. An einer Schule mit 400 Schülern aus 12 Nationen ist das nicht immer einfach. Da fällt schnell mal ein unbedachtes Wort, gibt es Ansätze von Gewalt. Deshalb unterstützte ich das Bemühen der Schule, sich öffentlich zu Antirassismus und Courage zu bekennen. Es geht darum, Position zu beziehen, innerhalb der Schule und im persönlichen Umfeld.

o Wie sieht die Patenschaft konkret aus?
Die Patenschaft ist mir ein persönliches Anliegen. Als Bürgermeister der Stadt Hennigsdorf, die Träger der Schule ist, habe ich natürlich eine besonders enge Beziehung zur Albert-Schweitzer-Oberschule. Ich bin bei vielen Veranstaltungen und Projekten der Schule dabei, wie beim jährlichen Anti-Rassismustag, der dieses Jahr zum 13. Mal stattfand. Mit ihm verbunden ist der Albert-Schweitzer Gedenklauf. Das ist ein Staffellauf, für den ich Start und Siegerehrung übernehme, den ich aber auch schon mitgelaufen bin.

o Anti-Rassismus ist ein vielschichtiges Thema. Wie gehen die Jugendlichen an der Albert-Schweitzer-Schule damit um?
Die Projekte sind ganz vielfältig. So gibt es zum Beispiel Arbeiten zum Schwerpunkt „Einwanderer in Hennigsdorf“ oder „Neue Heimat Hennigsdorf“. Für mich ist es interessant, wie unterschiedlich die Schüler das betrachten, je nach ihrem sozialen und geografischen Hintergrund.
Einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen immer die Schülerfahrten der 10. Klassen nach Theresienstadt. Sie sind Bestandteil des Geschichtsunterrichts. In diesem Jahr freuen wir uns, dass wir zum ersten Mal eine Gruppe von Schülern aus Theresienstadt in Hennigsdorf begrüßen können. Es ist wichtig, dass sich Jugendliche möglichst konkret mit der Geschichte auseinandersetzen.

o Gab es in Hennigsdorf ausländerfeindliche Vorfälle?
Ein schlimmes Ereignis war die Verletzung eines griechischen Gastwirts mit einem Messer. Das war Mitte der 90er Jahre. Die Bürger waren entsetzt, dass so etwas in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft passiert. In der Stadt hat das viele Aktivitäten ausgelöst. Es war unter anderem die Initialzündung für den jährlichen Anti-Rassismus-Tag.

Katja Fischer

 

Erziehung & Wissenschaft 6/2007

 

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