Vom Band in den Mund


In der Gläsernen Manufaktur von Fassbender & Rausch werden alte Familienrezepte neu aufgelegt


Schokolade macht gute Laune. Jürgen Rausch ist jedenfalls bester Stimmung, als er Anfang September in Tempelhof die Gläserne Manufaktur Fassbender & Rausch eröffnet. Mit Sekt, Häppchen und natürlich feinen Trüffeln und Pralinen aus dem Sortiment. „Krise ist für uns kein Grund zum Jammern. Wir gehen sie antizyklisch an“, sagt der erfahrene Unternehmer, der die Berliner Traditionsfirma schon in der vierten Generation führt.

Nachdem Rausch den Produktionsstandort in der Tempelhofer Wolframstraße vor Jahren schloss und nur noch in seinem Werk im niedersächsischen Peine produzierte, will er jetzt hier neu durchstarten. „Mein Vater hatte 1968 das Gebäude zum 50. Firmenjubiläum bauen lassen. Heute werden hier wieder die Klassiker hergestellt, die mein Großvater und Urgroßvater entwickelt haben“, erklärt er. Und das nicht im stillen Kämmerlein. Die Chocolatiers arbeiten hinter großen Scheiben, und die Besucher können zuschauen, wie die Köstlichkeiten nach hundert Jahre alten Rezepturen entstehen. Chef-Chocolatier George Helbig hat 25 neue Mitarbeiter an seine Seite bekommen. Viel Geschick ist gefragt, um aus besten Rohstoffen die filigranen Pralinen zu machen. Es braucht seine Zeit, das Marzipan-Spritzkonfekt herzustellen, das der Großvater des Unternehmers seinerzeit kreierte. Oder die Mozart-Praline, die Heinrich Fassbender erfand. Wer lange genug zugeschaut und Appetit bekommen hat, kann seine Wunschpralinen gleich direkt vom Band ordern. „Frischer geht’s wirklich nicht“, sagt Jürgen Rausch.

Nicht nur die Klassiker, sondern auch Innovationen und alle anderen Produkte von Fassbender & Rausch werden nun wieder in Tempelhof produziert. Vier Produktionslinien gibt es. Täglich wird das Schokoladenhaus am Gendarmenmarkt beliefert. 257 Sorten Pralinen, Trüffel und Konfekt gibt es dort an der Frischetheke. „Das ist der große Vorteil der Produktion in Tempelhof. Hier können wir auch aufwändige, komplizierte Artikel herstellen, die keine langen Transportwege vertragen.“ Die Masse der Schokoprodukte kommt aber weiterhin aus Peine, wo 550 Mitarbeiter beschäftigt sind.

1,5 Millionen Euro investierte das Unternehmen in die „Gläserne Manufaktur“. Sie gehört zur neuen Firmenstrategie, die Jürgen Rausch seit etwa zehn Jahren fährt. Er erkannte die Notwendigkeit, den Anspruch an höchste Qualität mit einem Massengeschäft zu verbinden. Rausch wollte raus aus der exklusiven Nische, ohne seinen Anspruch aufzugeben. Bei einem längeren Krankenhausaufenthalt wurde ihm klar, dass die Zeit seiner Vorfahren vorbei ist, die ihre Köstlichkeiten in Rausch-Confiserie-Geschäften überall in der Stadt verkauften. Heute müssen andere Vertriebswege gefunden werden. Rausch verhandelte mit Supermarktketten und Discountern, die seine Qualitätsprodukte listeten. Er bereinigte auch das Sortiment. Zu viele Artikel erzielten damals kaum Umsatz. Statt immer neue zu entwickeln, besann er sich auf sein Kern-Geschäft und erhöhte die Produktion der Rausch Plantagen Schokolade. Die ist sein Markenzeichen, das ihn von allen anderen Schokoladenproduzenten abhebt. Wie schon seine Vorgänger verarbeitet Jürgen Rausch ausschließlich kostbare, seltene Edel-Kakaos zu feinsten Schokoladen. Seine Vorgabe lautet: „Wir wollen die besten Edel-Kakaos, die es gibt“. Nur so ist es möglich, die beste Schokolade zu machen. Mit den Plantagen-Schokoladen hat er ein einmaliges Schokoladensortiment zusammengestellt, bei dem in jeder Sorte nur der beste Kakao eines einzelnen Edel-Kakao Anbaugebietes eingesetzt wird.

Längst überzeugt diese Qualität nicht mehr nur Gourmets. Die Rausch-Schokolade hat in aller Welt ihre Fans. Ob Student, Diplomat, Geschäftsmann, Rentner oder Politiker, im Haus am Gendarmenmarkt kaufen alle ein. Touristen und Berliner. „Für Einheimische soll nun die Manufaktur in Tempelhof zum Geheimtipp werden“, hofft Jürgen Rausch. „Dort gibt es alles nicht nur taufrisch, sondern einiges auch preiswerter. In den Regalen findet sich auch Ware mit kleinen optischen Fehlern. Die schmeckt genauso gut, kostet aber weniger.“

Mit Klasse und Masse will Rausch den Umsatz weiter erhöhen. 2008 erzielte das Unternehmen 97 Mio. Euro. Schon heute ist Fassbender & Rausch die größte und erfolgreichste Schokoladenmanufaktur der Welt. Mit ihrer jüngsten Investition am Berliner Standort stärkt sie ihre Präsenz in der Stadt, in der die beiden Chocolatiers-Familien Fassbender und Rausch die Confiserie-Kunst einst begründeten. 


Katja Fischer

Berliner Wirtschaft 10/2009
 

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