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Gewinner der Sars-Krise
Die deutsch-amerikanische Raytek GmbH in Pankow fertigt berührungslose Messgeräten auf Infrarot-Basis
Von Reiner Fischer
„Anfang des Jahres verkauften wir innerhalb von nur zwei Monaten weltweit etwa 50 000 ‚MiniTemp'. Ein Umstand, den wir uns im ersten Augenblick nicht erklären konnten,“ sagt Klaus-Dieter Gruner, seit April 2003 Geschäftsführer der Raytek GmbH Berlin.
Eigentlich wurde das Messgerät für die Lebensmittelkontrolle entwickelt. Doch plötzlich erfüllte das MiniTemp einen völlig anderen Zweck. Auslöser dieser unverhofften Nachfrage war das plötzliche Auftreten der Immunkrankheit SARS. In China kam das kleine handliche Messgerät zu großen Ehren. Es fand beispielsweise Anwendung an Flughäfen bei der Abfertigung der Passagiere. Wurde bei jemandem eine erhöhte Hauttemperatur festgestellt, war dies ein Anzeichen für eine eventuelle Erkrankung.
Die von Raytek entwickelten Geräte dienen im allgemeinen zur berührungslosen Messung von Oberflächentemperaturen. In Sekundenschnelle wird die Infrarotstrahlung (Wärmestrahlung) eines Objektes festgestellt. Die Skala ist hierbei breit gefächert. „Temperaturen von minus 50 bis 3000 Grad Celsius können zeitsparend, bequem, sauber und vor allem gefahrlos aus der Entfernung gemessen werden,“ umreißt der an der TU Dresden promovierte Elektronikingenieur die Verfahrensweise.
Die Bedienung des Handthermometers ist einfach: Einschalten, Anvisieren und Ablesen des Temperaturwertes auf dem Display. Eingesetzt werden die Infrarot-Messgeräte bei der Wartung von Heizungs-, Klima- und Lüftungsanlagen, von elektrischen Anlagen, bei Fahrzeuginspektion, bei der Lebensmittelüberwachung oder bei der industriellen Qualitätskontrolle. „Geräte für medizinische oder militärische Bereiche entwickeln wir nicht,“ stellt der Geschäftsführer klar.
Die Geschichte der Raytek GmbH Berlin begann 1990. Damals gründeten 25 Mitarbeiter des ehemaligen Ostberliner Werkes für Fernsehelektronik in Oberschöneweide die Firma Sensytec. Sie suchten eine Nische und fanden sie in der Infrarot-Technik. Man erkannte jedoch schnell, dass es ohne einen potenten Partner aus der Branche nicht möglich ist, sich auf dem Markt weltweit zu behaupten. Die Raytek Corporation im kalifornischen Santa Cruz, nur 30 Kilometer vom berühmten Silicon Valley entfernt, zeigte Interesse. 1991 wurde aus Sensytec die Raytek GmbH. Es entstand ein innovatives deutsch-amerikanisches Unternehmen. „Kreatives deutsches Ingenieurpotential verband sich mit amerikanischen Marketing-Management zu einer sinnvollen Symbiose, die bis heute erfolgreich ist,“ meint der gebbürtige Erfurter, der von Anbeginn maßgeblich die Geschicke des Unternehmens mitgestaltete. Seit September 2002 gehört die Raytek Corporation zur amerikanischen Firmengruppe Fluke, einem der Marktführer auf dem Gebiet der elektronischen Messtechnik.
Bei den Handmessgeräten nimmt das Unternehmen weltweit den ersten Platz ein. Bei den stationären Infrarot-Messgeräten ist es inzwischen auf dem zweiten Platz. „Wir sind bemüht, die Zeitspanne von der Idee bis zur Produktion in unseren drei Entwicklungszentren in Berlin, den USA und in China weiter zu verkürzen. Derzeit liegt sie bei bis zu zwei Jahren, “ erklärt Klaus-Dieter Gruner, der neben seiner Geschäftsführer-Tätigkeit bei der Berliner Raytek GmbH zugleich auch das Amt eines Vizepräsidenten der Raytek Corporation ausübt.
Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die Gruppe einen Umsatz von etwa 55 Millionen Dollar. Ein Drittel davon entfiel auf den Berliner Standort. Die jährlichen Wachstumsraten liegen zwischen zehn und 18 Prozent. „Eine Ausnahme bildete das vergangene Jahr. Nach der Euro-Einführung wurde unser gewohntes Wachstumstempo doch etwas gebremst. Inzwischen sind wir aber wieder bei 14 Prozent angelangt,“ so der Spezialist für Infrarot-Technik.
Neue Möglichkeiten sieht Gruner im hochwertigen Maschinenbau, besonders in Deutschland. Hier kann er sich vorstellen, dass vor allem stationäre Messgeräte in den Bereichen Kunststoff, Verpackung, Instandhaltung sowie generell beim Automobilbau stärker als bisher eingesetzt werden. „Das jüngste Produkt aus unserem Haus ist das Gerät ‚ThermoView Ti30', ein Thermografiesystem für die Wartung und Instandhaltung. Der Clou: Es verfügt über eine Wärmebildkamera mit Temperaturmessfunktion und kann von 0 bis 250 Grad eingesetzt werden,“ sagt der Geschäftsführer. Die gemessenen Werte würden gleichzeitig in Form eines Thermometers visualisiert und gespeichert. Da das Gerät mit einer Dockingstation versehen ist, werde auf diese Weise der Bild- und Datenaustausch zwischen Kamera und PC ermöglicht. Die Speicherkapazität betrage 100 Bilder. „Ein anderes Spitzenprodukt ist das Infrarot-Handthermometer mit Fotofunktion ‚PhotoTemp MX6 TD', sozusagen das Handy unter den Thermometern“.
Die Raytek GmbH zählt gegenwärtig 110 Mitarbeiter und ist damit einer der größten industriellen Arbeitgeber im Bezirk Pankow. Anfang 1999 bezog die Firma ihr neues Fertigungs- und Verwaltungsgebäude in der Blankenburger Straße. Großen Wert legt Raytek darauf, dass viele der Zulieferer aus den neuen Bundesländern kommen. So stammen die Chips aus Jena, die Detektoren aus Hermsdorf und die Mechanikteile aus Berlin und Brandenburg. „Qualitätsprobleme treten kaum auf, da alle Beteiligten stets eng zusammenarbeiten und so schon im Vorfeld vieles klären,“ bemerkt der Geschäftsführer.
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Das Unternehmen
1990 gründeten 25 Mitarbeiter des ehemaligen Ostberliner Werkes für Fernsehelektronik die Firma Sensytek. Seit 1991 gehört das innovative Berliner Unternehmen unter dem Namen Raytek GmbH zur US-amerikanischen Raytek Corp. mit Hauptsitz im kalifornischen Santa Cruz. Hergestellt werden berührungslose Temperaturmessgeräte auf Infrarotbasis in den USA, Berlin und China. Weltweit zählt die Raytek-Gruppe, die seit September 2002 zur amerikanischen Firmengruppe Fluke gehört, über 300 Mitarbeiter. 2002 wurde ein Umsatz von etwa 55 Mio. Dollar erwirtschaftet. Im April 2003 übernahm Klaus-Dieter Gruner die Geschäftsführung am Berliner Standort. rf.
Welt am Sonntag, 31.8. 2003
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