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Durststrecke für die Dose
Der Getränkedosen-Hersteller Rexam in Zehlendorf hat das Tief nach der Einführung des Pflichtpfands überwunden „Ist das in Deutschland überhaupt erlaubt? “, wird Welf Jung oft von Bekannten gefragt, wenn er erzählt, dass seine Firma Getränkedosen produziert. Die Dose gilt als Klimakiller, der langsam ausstirbt. Seit der Einführung des Pflichtpfands im Jahr 2003 führt sie hierzulande ein Schattendasein. Die großen Discounter haben sie völlig aus dem Sortiment verbannt, in vielen Supermärkten ist sie nur noch in Nischen zu finden.
Doch die Getränkedose lebt. Im Berliner Werk des britischen Rexam-Konzerns wurden im vergangenen Jahr 1,6 Milliarden Exemplare hergestellt. Der Bedarf wächst weltweit. Anders als Deutschland setzen immer mehr europäische Länder zunehmend auf die metallene Verpackung für Bier und Erfrischungsgetränke. Dänemark ging zum Beispiel den umgekehrten Weg wie Deutschland und ließ 2003 nach jahrelangem Verbot die Getränkedose zu.
Das war zunächst einmal die Rettung für das Rexam-Werk in Zehlendorf, das in den dänischen Markt einstieg. In Deutschland war der Absatz nach Einführung des Pflichtpfandes ab 2003 dramatisch eingebrochen. Bei Rexam war Kurzarbeit angesagt und 80 Mitarbeiter verloren ihren Job. „Wir haben das nur überstanden, weil wir zu einem großen Konzern gehören“, sagt Verkaufschef Jung.
Vier Jahre dauerte der Überlebenskampf. Dann stellten die Berliner ihre Produktion auf Aludosen um. Die gelten als umweltfreundlicher als die Stahldosen, die das Unternehmen bis dahin herstellte. Alu-Dosen lassen sich besser recyceln als Stahldosen. Nach etwa 60 Tagen stehen sie wieder neu im Supermarkt-Regal. Und beim Recyceln gibt es praktisch keine Materialverluste.
„Das war eine strategische Entscheidung, die sich als richtig erwiesen hat“, so Welf Jung. 30 Mio. Pfund wurden dafür investiert. Viele Kunden im Ausland, zum Beispiel in Skandinavien und Polen, wollen ausschließlich Dosen aus Aluminium. Auf diesen Trend hat sich Rexam eingestellt.
Nach der Umstellung auf die Alu-Dose ging es bergauf mit der Produktion, die inzwischen wieder das Niveau der Vorpfand-Zeit erreicht hat. 40 Mitarbeiter konnten eingestellt werden. An eine Schließung des Werkes hat auch in der tiefsten Krise niemand gedacht. „Der Standort Berlin ist dem Konzern wichtig, weil hier erfahrene Fachkräfte arbeiten. Deshalb hat er das Werk über die Durststrecke hinweg begleitet“, so Jung. Es war 1983 im südwestlichsten Zipfel Westberlins im amerikanischen Sektor gebaut worden, auch, um von der Berlin-Förderung zu profitieren. Heute liegt es geografisch günstig, um die Märkte im Osten gut zu erreichen.
Auf drei Fertigungslinien, zwei für 0,5- und eine für 0,33-Liter-Abfüllungen, entstehen aus Aluminiumblech die Getränkedosen. Es ist ein technisch anspruchsvoller Herstellungsprozess. Die 125 Produktionsmitarbeiter arbeiten in drei Schichten. Dazu kommen 47 angestellte Mitarbeiter.
In den Werkhallen herrscht ein Höllenlärm, der nur mit Ohrschutz zu ertragen ist. Viel Power ist nötig, um aus den Aluminiumblechen Näpfe zu pressen, die etwa wie ein runder Aschenbecher aussehen. Sie werden dann am Bodymaker in Dosenform gezogen, anschließend gewaschen, lackiert und mit dem Dekor des Getränkeherstellers bedruckt. Am Ende werden Hals und Flansch geformt, die fertigen Dosen auf Paletten verladen und im Lager 12 Meter hoch gestapelt. Die Deckel werden in einem anderen Werk produziert.
1 200 bis 1 400 Dosen verlassen pro Minute die Fertigungsbänder. Das ganze Werksgebäude schwingt mit, wenn die Maschinen laufen. Das ist durchaus so gewollt. „Damit die Nachbarschaft nicht in Mitleidenschaft gezogen wird, wurde 10 Meter unter dem Werk ein Luftkissen in die Erde verlegt“, erklärt Welf Jung. „Das gewährleistet, dass die Schwingungen bei uns bleiben.“
Rexam beliefert ca. 30 Kunden mit Getränkedosen, darunter große Marken wie Coca Cola und Red Bull sowie namhafte Brauereien. Jede Firma lässt ihre eigenen Dekore auf die Dosen drucken, 800 hält das Berliner Werk aktuell vor, 5000 sind insgesamt im Archiv. „Viele Kunden kennen wir schon seit Jahren. Die rufen wir dann schon mal an, wenn der Wetterbericht heiße Tage ankündigt, damit sie zusätzliche Dosen einplanen“, erzählt der Verkaufschef.
Im Frühjahr nächsten Jahres soll ein neues, 12 000 Quadratmeter großes Lager in Betrieb genommen werden. Rexam in Berlin baut auf die Zukunft der Getränkedose, trotz aller Schwierigkeiten in Deutschland. Seit 1999 wächst der Markt im Ausland enorm. Und vielleicht geht ja auch hierzulande bald wieder etwas mehr. Die Verpackungsverordnung ist jedenfalls in der Diskussion. Und Welf Jung ist überzeugt, dass irgendwann die ökonomischen und ökologischen Vorteile der Getränkedosen mehr zählen als alle Vorurteile. Dann bekommt die Dose ihre zweite Chance.
Katja Fischer
Berliner Wirtschaft 12/2009
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