Markenbewusst und kein bisschen kleinlich

Russische Kunden sind in Berlins Geschäften gern gesehen

Uta Alexander

BERLIN, 2. Januar. Russische Kunden werden für die Berliner Wirtschaft immer wichtiger. Vor allem die Inhaber von Luxuswarengeschäften oder von Läden, die hochwertige Verbrauchsgüter verkaufen, werben inzwischen aktiv um die Zielgruppe. Rund 100 000 Russen leben laut Senatswirtschaftsverwaltung derzeit in Berlin. Tatsächlich dürften es sogar deutlich mehr sein, wenn auch nicht mehr so viele wie in den zwanziger Jahren, als 300 000 Russen in Berlin lebten. Auch als Unternehmer spielen Russen zunehmend eine Rolle, wie die wachsende Zahl russischer Geschäfte und Dienstleister zeigt.
Beträchtliche Kaufkraft
Ein Spiegel der russisch-deutschen wirtschaftlichen Aktivitäten in Berlin sind die Anzeigenseiten der Zeitschrift "Russki Berlin", die seit Juni 1996 in der Hauptstadt erscheint. In dem russischsprachigen Blatt werden Möbel und Reisen angeboten, Autos, Kosmetik, Immobilien, Tanzschule, Schönheitschirurgie und Diäten. Nicht anders als in anderen Berliner Zeitungen auch, aber von deutschen und russischen Unternehmen. Häufig werden auch günstige Telefonkarten, Konzerte russischer Künstler, Sprachlern-Software oder Paketdienste offeriert. Die Kaufkraft der Zielgruppe dürfte nicht unbeträchtlich sein. Erhebungen von "Russki Berlin" gehen davon aus, dass die Familieneinkommen von 70 Prozent der russischsprachigen Verbraucher bei mehr als 1 500 Euro liegen.
Seit drei Jahren wirbt beispielsweise der Porzellanherstellers Villeroy & Boch um die Klientel. "Wir schalten Anzeigen in russischer Sprache. Das wird sehr honoriert", sagt Carsten Bull, Geschäftsführer der Filialen am Kurfürstendamm und in Steglitz. Aus Russland stammende Käufer zeigten, einmal entschlossen, ein großzügiges Kaufverhalten und Markenbewusstsein. "Immer mehr deutsche Firmen suchen Kontakt zu russischsprachigen Verbrauchern", freut sich Maria Kritschevski, Leiterin für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit bei "Russki Berlin". Berliner Mittelständler fänden hier professionelle Beratung. Bei einer Auflage von 30 000 Exemplaren würden immerhin mindestens 120 000 Leser erreicht.
Das seit 30 Jahren in Berlin ansässige Autohaus Hildebrandt verkauft monatlich drei bis vier Wagen über Annoncen in "Russki Berlin". Die Idee des gebürtigen Russen Alexander Tscherkawez, das Medium zu nutzen, hat sich gelohnt. "Der Bedarf ist genauso groß wie bei den Deutschen", sagt der 20-jährige Verkäufer, der als Auszubildender zu Renault kam. Auch die Motorcompany Toyota hat extra eine russischsprachige Mitarbeiterin eingestellt.
"Vor allem bei beratungsintensiven Dienstleistungen macht es sich bezahlt, wenn Menschen in ihrer Muttersprache angesprochen werden", sagt Olga Mohr, seit 1994 mit einer Baubetreuungsfirma in Lichtenberg ansässig. Seit ihrer Geschäftsgründung habe sie bereits 180 Kunden geholfen, ein Haus zu bauen, darunter 30 Russen. "Das ist wirklich Vertrauenssache. Es reicht auch nicht, nur die russische Sprache zu beherrschen. Man muss auch bereit sein, sich auf die fremde Mentalität einzustellen", sagt die Expertin. Diese Erfahrung machte auch Oxana Kulko, Mitarbeiterin des mobilen Hauspflegedienstes Silber. 1996 von Russen in Berlin gegründet, hat das Unternehmen 30 Arbeitsplätze geschaffen. "Bei der Pflege gibt es keine Unterschiede zwischen den Nationalitäten. Aber unser Service geht weit darüber hinaus. Er reicht bis zur Hilfe im Umgang mit deutschen Ämtern", sagt Kulko. Hier herrsche enormer Erklärungsbedarf.
Berliner Zeitung, 03.01.2002


 

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