Schiedsrichter am Arbeitsplatz

Ausbildungsberater Detlef Cierzniewski schaltet sich ein, wenn es zwischen Azubi und Ausbilder knirscht

VON UTA ALEXANDER

Im Meisterbüro der Kfz-Werkstatt herrscht betretenes Schweigen. Eben hat der Chef seinem Ärger Luft gemacht: Der Lehrling hat Mist gebaut. Beim Reifenwechsel statt neuer Exemplare alte aufgezogen. Dabei die Felge demoliert. Und dann noch alles abgestritten. Ein Schaden von 200 Euro ist entstanden. Der empörte Kunde wechselt die Werkstatt. Wenn es nach dem Meister ginge, bräuchte der Azubi nicht mehr kommen.

Der 18-Jährige, Kfz-Mechatroniker im zweiten Lehrjahr, hat nichts zu seiner Verteidigung vorzubringen. Die Vorwürfe stimmen. Detlef Cierzniewski, der dritte Mann im Raum, schweigt. Er denkt nach. Warum scheitert ein Lehrling, der in der Berufsschule ordentliche Noten bringt? Cierzniewski reicht dem Jungen seine Visitenkarte: "Komm vorbei, wir sollten reden!" Dann geht es zurück in sein kleines Büro in der Potsdamer Handwerkskammer, wo sich jetzt im Sommer Ausbildungsverträge stapeln. Cierzniewski muss sie auf ihre Rechtmäßigkeit prüfen.

"Beide Seiten müssen mitziehen"

Seit 13 Jahren ist er Ausbildungsberater. Wenn man so will: "Eine Art Schiedsrichter, wenn Betriebe und Lehrlinge miteinander Probleme haben", erklärt der 51-Jährige. "Ziel ist es, Ausbildungsverhältnisse ordentlich abzuschließen." Und dabei, weiß der Ingenieur für Walzwerktechnik, der lange selbst Berufsausbilder war, "müssen natürlich beide Seiten mitziehen."

"Ich höre grundsätzlich beide Seiten an", sagt Cierzniewski. "Oft kann ich Lösungen aufzeigen." Lehrmeister etwa dürfen leistungsschwachen Azubis eine so genannte ausbildungsbegleitende Hilfe nach Feierabend verordnen. Einen angehenden Metallbauer, dem der Betrieb 24 Monate lang Geld schuldig blieb, verweist er ans Arbeitsgericht, sollte die letzte Mahnung nicht fruchten. Für die junge Friseuse fand er eine neue Lehrstelle.

Zum Kammerbezirk Potsdam gehören 15500 Betriebe mit 6832 Lehrlingen. Die Lage ist nicht gerade rosig. Weil Aufträge Mangelware sind, machen immer mehr Firmen dicht. Die durchschnittliche Mitarbeiterzahl schrumpfte von elf auf fünf. Entsprechend sank die Zahl der Ausbildungsverhältnisse innerhalb von sieben Jahren um fast die Hälfte. "Wo nur noch schmalspurig gearbeitet wird, funktioniert auch die Ausbildung nicht mehr", konstatiert Kammer-Sprecherin Ute Maciejok.

Vor diesem Hintergrund verlagern sich Schwerpunkte in Detlef Cierzniewskis Arbeit. Er ist nicht mehr nur Schlichter, sondern wird immer öfter als Berater prophylaktisch tätig. Verstärkt bemüht er sich etwa um Schülerpraktika. Für Cierzniewski macht das doppelt Sinn: "So finden Jugendliche heraus, ob ihnen eine Branche liegt. Und die Betriebe finden passende Leute." Erfreulich: Im Kammergebiet Potsdam brechen weit weniger Lehrlinge ihre Ausbildung ab als im nationalen Durchschnitt: nur sieben statt bundesweit 11,8 Prozent.

Zeugnisse sind nicht alles

Neu kam 2004 Werbung für so genannte Einstiegsqualifikationen auf Cierzniewski zu. Es handelt sich um Lehrverhältnisse auf Probe, die zwischen sechs Monaten und einem Jahr dauern. "Übers Internet, mit persönlichen Briefen und durch gutes Zureden konnten wir 140 Betriebe zum Mitmachen bewegen", freut sich Cierzniewski. Befürchtungen, die Betriebe würden die Jugendlichen als billige Arbeitskräfte ausbeuten und dann wieder auf die Straße setzen, seien weitgehend ausgeräumt: 40 Prozent der "Einsteiger" wurden in eine "echte" Lehre übernommen. Der Pädagoge freut sich, dass das neue Förderinstrument funktioniert: "Leistungsschwächere Jugendliche können zeigen, dass sie besser sind als ihre Schulzeugnisse." Mehr denn je umsorgt Cierzniewski Erstausbilder. Firmen, die auch vage anfragen, ob und wo sie einen Bewerber als Lehrling anmelden könnten, bekommen den Rundumservice: Infopaket, lobende Ermutigung, Auskünfte jederzeit.

Insbesondere Kleinbetriebe würden ohne Berater bei der Handwerkskammer vor dem Aufwand einer Lehrlingsausbildung zurückscheuen. "In diesen Firmen ist der Meister Mädchen für alles, auch für die Ausbildung. Und da gibt es ständig Veränderungen. Kein Außenstehender kann das alles wissen", findet Cierzniewski.

Bei allem Einfühlungsvermögen redet Cierzniewski keinem Unternehmer nach dem Munde. "Jeder Lehrling darf Fehler machen und mit fairer Behandlung rechnen", ist seine Meinung. Betriebe seien mit Kündigungen allzu schnell zur Hand. Einmal Bummeln dürfe aber für einen 16- oder 17-Jährigen nicht das Aus bedeuten: "Den kann doch schon ein Krach mit der Freundin aus der Bahn werfen. Man muss ihm zutrauen, dass er sich wieder fängt." Konsequent empfiehlt er jedoch die "harte Gangart", wenn Jugendliche keinerlei Interesse für ihre Ausbildung zeigen. Das heißt Abmahnung bei Vertragsverstößen. "Wer sich dann nicht am Riemen reißt, dem kann ich auch nicht mehr helfen", sagt er. Er will es wohl auch nicht. Im vergangenen Jahr musste Cierzniewski 120 Jugendliche aus Insolvenzbetrieben neue Stellen vermitteln. Das bedeutet 120 Ausbildungsstellen weniger für Schüler, die ins Handwerk nachrücken möchten. Warum sollten notorische Faulenzer die knappen Plätze blockieren?

 

Ombudsmann
Ausbildungsberater sind unparteiische Vermittler bei Problemen zwischen Ausbildungsbetrieben, Lehrlingen und Erziehungsberechtigten. Meist geht es um Pflichtverletzungen, Zahlungs- und Urlaubsansprüche, Arbeitszeiten, Ausbildungsinhalte, Fragen des Umgangs miteinander sowie die Fortsetzung der Ausbildung bei Insolvenzen. Bei den bundesweit 54 Handwerkskammern sind 190 Ausbildungsberater fest angestellt. Sie leisten pro Jahr rund 45000 Betriebsbesuche. uaTun sie aber nicht. Jedenfalls nicht immer. Betriebe klagen zunehmend über Bummelei, fehlende Motivation und schlechte Leistungen der Lehrlinge. So wie der Chef eines Baubetriebes, der nicht fassen kann, dass sein potenzieller Nachwuchs keine Prozentrechnung beherrscht. Ein Tischlermeister ist entsprechend dazu übergegangen, beim Frühstück das kleine Einmaleins in Quizform zu trainieren. Und die Lehrlinge? Die ihrerseits beschweren sich, wenn der Lohn ausfällt und Urlaub gestrichen wird. Gelegentlich fühlen sie sich auch schlicht schlecht ausgebildet. Wie etwa kürzlich die junge Friseurin, deren Chefin sie lieber als Verkäuferin einsetzte. Das Mädchen hatte Angst, die Zwischenprüfung zu verhauen.


Frankfurter Rundschau vom 23. August 2005
 

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