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In der Sicherheits-Branche tobt ein Preiskampf

Gewerkschaft ÖTV wirft Unternehmen Lohndumping vor

Uta Alexander

BERLIN, 12. März. "In Berlin verdienen Menschen, die Leib und Leben anderer beschützen, oft weniger als eine Putzfrau", sagt Lutz Vietor, Chef der Internationalen Sicherheitsgesellschaft ISG Berlin. Zwar steige in der Region der Bedarf nach Sicherheitsdienstleistungen seit dem Regierungsumzug enorm. Aber längst sei der Markt mit Anbietern übervoll. Die Folge: In der Branche tobt ein harter Preiskampf.
Derzeit bieten in Berlin außer 75 größeren Firmen wie Securitas, IHS und Boss 300 Kleinstfirmen mit ein oder zwei Mitarbeitern Sicherheitsdienste an. Rund 15 000 Berliner verdienen in der Branche ihr Geld. Die Umsätze steigen zurzeit jährlich um 15 Prozent. Im Jahr 2000 betrugen sie 500 Millionen Mark (256 Millionen Euro). Marktführer in Berlin ist die Firma Securitas, die rund 2 500 Mitarbeiter beschäftigt.
Enormer Fusionsdruck
Die früher eher mittelständisch geprägte Branche steht unter Fusions- und Konkurrenzdruck. Bundesweit tätige Anbieter sowie solche aus Brandenburg und Osteuropa wetteifern um Aufträge. Dazu kommen Quereinsteiger aus dem Dienstleistungsbereich wie Dussmann oder Gegenbauer, die eigene Sicherheitssparten installierten. "Nie zuvor wurde so viel Geld für Sicherheit ausgegeben. Aber nie zuvor profitierten davon so viele Firmen, die ihre Mitarbeiter unter dem Existenzminimum beschäftigen", sagt Hartmut Noll, Berliner Landesvorsitzender des Bundesverbandes der Wach- und Sicherheitsunternehmen (BDWS).
Uwe Borck von der Gewerkschaft ÖTV in Berlin sieht im öffentlichen Dienst den Motor des Lohndumpings. Aus dem Zwang heraus, bei Ausschreibungen von Objekten dem billigsten Anbieter den Zuschlag zu geben, hätten tarifgebundene Firmen zunehmend das Nachsehen. "Die Museumsinsel wird beispielsweise von einer thüringischen Firma bewacht, die ihre Leute für acht bis neun Mark Stundenlohn arbeiten lässt", sagt der Gewerkschafter. Auch in Bundesministerien säßen unterbezahlte Pförtner.
Der Sicherheitsberater Lutz Vietor fordert die längst überfällige Berufsgrundausbildung für Wachschutzpersonal. Zurzeit bekäme jeder freien Zugang zu Sicherheitsberufen. Leute gründeten aus der Arbeitslosigkeit heraus Wach- und Sicherheitsunternehmen, ohne zu bedenken, welche Risiken sie damit auf sich nehmen. Dafür gebe es sogar noch öffentliche Fördermittel. In der am schnellsten wachsenden Sparte im Berliner Sicherheitsgewerbe, dem Wachschutz, gibt es immerhin Kurse, die mit einer Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer enden. Doch diese Seminare sind nur mäßig besucht. Vielen Firmen dürften die 172 Stunden Ausbildung zum Preis von 2 327,44 Mark schon zu kostspielig sein. Neben der IHK bieten auch private Bildungsträger Schulungen für Wachschutzpersonal an, teilweise wird die Teilnahme vom Arbeitsamt gefördert.
Tarifvertrag gefordert
In der Hauptstadt geht es heute nach Aussage von Experten nicht mehr nur ums Bewachen von Firmen, Baustellen, Einkaufszentren oder öffentlichen Gebäuden. Zunehmend suchten auch Politiker, Prominente und Geschäftsleute den Schutz von Leibwächtern. Unternehmer setzen Detektive auf Werkspionage, Erpressung, Abwerbung, Kundenausforschung oder Betrügereien durch Lieferanten an. "Das braucht qualifizierte Ermittler mit kriminalistischem, kaufmännischem und juristischem Sachverstand", sagt Noll. Aber solche Leute könnten überall arbeiten und müssten sich nicht für Hungerlöhne auf gefährliches Terrain begeben.
Das Bewusstsein, dass Sicherheit Geld koste, müsse sich schärfen, fordert Noll, der selbst Chef der Sicherheitsfirma ASK in Berlin mit 400 Mitarbeitern ist. Damit befindet er sich in Übereinstimmung mit dem ÖTV-Gewerkschafter Uwe Borck. Borck möchte endlich wieder einen Verbandstarifvertrag zu Stande bekommen, wie es ihn noch bis Ende 1999 gab. "Das wäre ein Schritt dazu, den verantwortungsvollen Beruf angemessen zu bezahlen", sagt Borck.
Berliner Zeitung, 13.03.2001



 

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