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Grenzenlose Berlin-Spaziergänge
Das Weddinger Unternehmen StattReisen lädt zu thematischen Stadtführungen abseits der Touristenpfade ein
Wer mit StattReisen Berlin erkunden will, muss gut zu Fuß sein und auch mal BVG und S-Bahn nutzen. Denn der Reiseveranstalter aus dem Wedding präsentiert Berlin ganz anders als viele andere, die ihre Gäste in bequemen Panoramabussen zu den einschlägigen Sehenswürdigkeiten fahren. StattReisen Berlin hat sich in seiner mehr als 25-jährigen Geschichte einen Namen mit thematischen Stadtspaziergängen gemacht. Dabei bekommen die Teilnehmer tiefe Einblicke in Regionen abseits der viel belaufenen Touristenpfade: Roter Wedding statt Rotes Rathaus, Kreuzberg statt Brandenburger Tor, Mauerstreifen statt KaDeWe.
In diesem Jahr steht das 20. Jubiläum des Mauerfalls im Mittelpunkt. Dabei kann das Berliner Stadtführer-Team seine Ost-West-Stärke besonders gut ausspielen. Denn gleich nach dem Fall der Mauer stießen Mitarbeiter aus dem Osten zu dem im Jahr 1983 gegründeten Westberliner Verein. „Damit wurde unsere Themenpalette viel breiter“, sagt Geschäftsführer Jörg Zintgraf, der das Unternehmen gemeinsam mit Susanne Hoppe leitet. Zu den Dauerbrennern „Hallo Roter Wedding“ und „Grenzgänge grenzenlos“ kamen bald neue Themen wie „Wege in das jüdische Berlin“, die „Prenzlauer-Berg-Tour“ oder „Pankow privat“. Im Jubiläumsjahr gibt es besondere Spaziergänge, bei denen StattReisen-Mitarbeiter aus Ost und West an ihre ganz persönlichen Erlebnisse rund um den Mauerfall erinnern und die Gäste an die entsprechenden Orte führen. Auch Fahrradtouren auf dem Mauerstreifen werden gern gebucht.
Das Konzept funktioniert so gut, dass es sich vor allem unter Schulklassen in ganz Deutschland herumgesprochen hat. „Wir halten keine trockenen theoretischen Vorträge, sondern erklären große historische Zusammenhänge zum Beispiel an Hand eines verwitterten Straßenschildes oder den Überresten einer alten Fabrik. Wir fahren mit den Jugendlichen nach Marzahn, besuchen in Kreuzberg Moscheen, zeigen am Kudamm nicht nur die Glitzerfassade, sondern auch die Rückseite vom Bahnhof Zoo. Das beeindruckt und bleibt lange im Gedächtnis“, erläutert Jörg Zintgraf.
Das überzeugt auch immer mehr Firmen, die die außergewöhnlichen Stadttouren für Betriebsausflüge, als Tagungsbegleitprogramm oder für Seminare buchen. 150 verschiedene Angebote hat StattReisen zusammengestellt, darunter aufwändige Stadtrallyes durch den Großstadtdschungel, in denen Gruppen ihre Teamfähigkeit unter Beweis stellen können. Besonders gut kommt die Tatort-Rallye an, bei denen in akribischer Ermittlungsarbeit quer durch die Stadt ein Mörder überführt werden muss.
Die Ideen zu den Touren kommen von den Mitarbeitern. Zur Zeit arbeiten etwa 50 Stadtführer auf Honorarbasis für StattReisen. Es sind Historiker, Sozialpädagogen, Journalisten, Schauspieler, Architekten, Kunst- und Literaturwissenschaftler und Ingenieure, die den Job meist nebenberuflich ausüben. Jeder bringt seine ganz besondere Sicht auf die Stadt ein und unterbreitet Vorschläge für weitere Themen. Gemeinsam wird dann das neue Programm entwickelt und ausprobiert. „Es muss den strengen Qualitätskriterien unseres StattReisen-Verbandes Forum Neue Städtetouren entsprechen“, sagt Jörg Zintgraf. Darin haben sich deutschlandweit 20 StattReisen-Teams zusammengeschlossen, die ihre Stadt aus ungewohnten Perspektiven zeigen.
Auf die Idee, ihre Gäste mit einem Kopfhörer auszustatten und ohne Stadtführer loszuschicken, kämen die StattReisen-Mitarbeiter nie. „Der persönliche Kontakt ist uns wichtig. Die Stadtführer gehen auf jede Gruppe speziell ein, erkundigen sich vorher nach besonderen Wünschen. Das könnte die Technik nicht leisten. Aber wir sind nicht technikfeindlich, sondern nutzen bei einigen Stadtführungen neuerdings historische Originalaufnahmen. So können die Teilnehmer unmittelbar in die Vergangenheit eintauchen. Das ist sehr eindrucksvoll“, meint der Geschäftsführer.
Um zu verhindern, dass das Konzept kopiert und damit verwässert wird, hat sich StattReisen den Namen als Marke schützen lassen. Trotzdem finden sich immer wieder Nachahmer, die mehr oder weniger gekonnt alternative Stadttouren anbieten. Der Wettbewerb ist hart. Kleine Firmen oder Einzelkämpfer drängen auf den Markt. Auch das Weddinger Unternehmen, das erst 2006 von einem gemeinnützigen Verein in eine GmbH umgewandelt wurde, muss sich nun wirtschaftlich durchsetzen. Zintgraf: „Unsere Kernkompetenz bleiben die Stadtführungen. Zusätzlich bieten wir aber auch Studienreisen nach Mittel-, Ost- und Südeuropa an. Auch die sind anders als normale Bildungsreisen, weil wir mit einheimischen Partnern zusammenarbeiten, die ein authentisches Bild vermitteln.“
Etwa 30 000 Kunden hat StattReisen Berlin jährlich, darunter viele Stammkunden. „Wer einmal bei StattReisen war, kommt immer wieder“, meint der Geschäftsführer. Nicht nur Berlin-Besucher, auch viele Berliner wissen das Angebot zu schätzen, ihre Stadt aus ungewöhnlicher Perspektive kennen zu lernen.
Katja Fischer
Berliner Wirtschaft 11/2009
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