Stettin und Berlin als Achse einer Wachstumsregion

Genau vor einem Jahr ist Polen neues Mitglied der EU geworden. Berlin hat die Nähe noch nicht als Standortvorteil genutzt. Dafür profitieren einzelne Firmen vom neuen Markt: In beide Richtungen

Von Reiner Fischer

Busse aus dem Nachbarland Polen sind auf Berlins Straßen eigentlich nichts Ungewöhnliches. Und in Zukunft werden es noch viel mehr sein. Die BVG hat Fahrzeuge "made in Poland" geordert. Der Großauftrag über 130 behindertengerechte Gelenkbusse des Typs Urbino ging an das Solaris-Werk Bolechowo bei Posen."Bei der Losgröße der Gelenkbusse machte Solaris das beste Gesamtangebot", kommentiert Johannes Müller von der BVG die Entscheidung. Der Urbino wurde übrigens zusammen mit dem Berliner Designbüro "FischundVogel" entwickelt. Bis Ende Oktober sollen alle 130 Busse geliefert sein.Solaris ist ein polnisches Unternehmen, das ohne Berlin gar nicht vorstellbar wäre. Seine Geschichte begann vor mehr als 20 Jahren in der geteilten Stadt. Damals kamen Krzysztof Olszewski und seine Frau Solange Olszewski nach Westberlin. Nach der Wende spezialisierten sie sich auf den Verkauf deutscher Busse. Hauptabnehmer waren polnische Transportfirmen. Schließlich wagten sie mit der Gründung der Solaris Bus & Coach den Schritt vom Exporteur zum Produzenten.
Doch die Busse in Deutschland herzustellen, das konnten sich die beiden Polen mit deutschem Paß nicht leisten, unter anderem auch wegen der hohen Lohnkosten. Schließlich gab der Wirtschaftsboom östlich der Oder den Ausschlag für die Wahl des Standortes Bolechowo. Seit sieben Jahren betreibt Familie Olszewski dort ihre Fertigungsstätte für Busse. Mit 36 Facharbeitern fing es an. Heute sind es 900 Beschäftigte, darunter auch einige deutsche Fachkräfte. Solaris ist nur eines von vielen Projekten deutsch-polnischer Zusammenarbeit.
Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, engagieren sich Berliner Firmen seit Jahren im Nachbarland. Eine IHK-Umfrage ergab, daß 75 Prozent der befragten Unternehmen über intensive Geschäftsbeziehungen mit Polen verfügen. Mehr als 40 Prozent von ihnen haben bereits eine Niederlassung oder sind an polnischen Firmen beteiligt, darunter die Dussmann-Gruppe, Berlin-Chemie, Alba, Herlitz, Fliegel und die Deutsche Binnenreederei. Seit 1995 ist das Berliner Entsorgungsunternehmen Alba im oberschlesischen Industrierevier vertreten. Sechs Tochtergesellschaften kümmern sich rund um Katowice um Müllentsorgung, Straßen- und Gebäudereinigung, Winterdienst, Gartenpflege und Wertstoffsammlung. 400 Alba-Mitarbeiter sind in Polen beschäftigt.Auch die mittelständische Firma Fliegel Textilservice ist jenseits der Oder aktiv - seit nunmehr zwölf Jahren. In Gryfino bei Stettin reinigt sie die Wäsche von Berliner Hotels. Um einen möglichen Grenzstau der Transport-Lkw zu umschiffen, benutzt Fliegel eine eigens eingerichtete Fähre über die Oder. Spätestens nach 24 Stunden sind Handtücher, Kittel und Bettbezüge frisch gebügelt in Berlin. Im polnischen Segelflug-Mekka Bielsko-Biala fand das Ingenieurteam der Euros GmbH die richtigen Partner für die Umsetzung seiner Ideen. Die in Berlin entwickelten Rotorblätter für Windkraftanlagen werden seit drei Jahren in einem deutsch-polnischen Joint-venture in Südpolen produziert. Ein anderes Beispiel ist Odra Lloyd, eine 1994 gegründete Tochterfirma der Deutschen Binnenreederei AG, mit Sitz in Stettin. Acht Schubschiffe und zwölf Schubprahme sind sowohl im polnischen Binnenverkehr als auch im Transitverkehr durch Deutschland unterwegs. Sie stehen unter dem Kommando polnischer Kapitäne. Dieter Jahn, Mitglied des Vorstandes von Odra Lloyd: "Da wir eine polnische Firma sind, hatten wir keine Schwierigkeiten, uns Zugang zum Markt zu verschaffen."
Auch das Interesse polnischer Firmen an Berlin oder Brandenburg ist groß. "Die polnische Community entwickelt sich von allen ethnischen Gruppen in Berlin am dynamischsten", sagt Roland Engels, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Berlin International. Bisher siedelten sich etwa 1300 polnische Firmen in Berlin an. Meist sind es Kleinstunternehmen und einige Mittelständler. Dazu zählt die Modefirma "m.p. by style" aus Grünberg (Zielona Góra), die ihre Kollektionen im Modecenter Ullsteinhaus anbietet. Schon vor Jahren haben Polinnen, die in Berlin leben und arbeiten, den Verein Nike gegründet.
"Netzwerke sind wichtig, um erfolgreich zu sein", betont die Vereinsvorsitzende Lucyna Krolikowska. Erfreulich sei, daß immer mehr Geschäftsfrauen aus Polen den Verein als Anlaufpunkt für ihre Kontaktpflege in Berlin nutzen. Ihre Erkenntnis: "Polnische Investoren zieht es besonders dorthin, wo bereits Freunde und Bekannte leben." So etwa ins Ost-West-Kompetenzzentrum Adlershof. Gegenwärtig leben und arbeiten an die 130 000 Menschen polnischer Herkunft in Berlin. Längst nicht nur Handwerker, sondern auch Ärzte, Anwälte und Unternehmensberater. Sie geben der Stadt neue Impulse. Lebensmittelläden wie Klon in Charlottenburg oder Halinka in Hohenschönhausen führen polnische Spezialitäten. Zur Verbesserung der wirtschaftlichen Beziehungen soll nun ein neues Magazin mit dem Titel "Berlin" beitragen. Die Publikation will eine Plattform für grenzüberschreitende Geschäftskontakte sein. Sie wird von drei jungen Polen herausgegeben, die beruflich in Berlin und Stettin tätig sind.
"Berlin und die westpommerschen Wojewodschaften kooperieren vor allem bei hochwertigen Investitionsgütern sowie bei der Bereitstellung unternehmensnaher Dienstleistungen", betont Torsten Mehlhorn, zuständig für den Bereich Wirtschaftsförderung bei der Investitionsbank Berlin (IBB). Allerdings sei der Exportboom ausgeblieben, der mit der EU-Osterweiterung im Mai 2004 erwartet worden war. Laut Statistischem Landesamt stiegen die Ausfuhren aus Berlin im vergangenen Jahr nur um 7,7 Prozent gegenüber 2003 auf 350 Millionen Euro."Berlin hat nur eine echte Chance, wenn es gemeinsam mit Brandenburg agiert", sagt Mehlhorn. Um wirtschaftliches Gewicht aufzubauen, müsse die Region eine gewisse Größe erreichen. Das betreffe das gesamte Gebiet links und rechts von Oder und Neiße, in der die Städte Berlin und Stettin eine Achse bilden. Dann könne sie, ähnlich wie das deutsch-französische Grenzgebiet am Rhein, langfristig zu einer Wachstumsregion werden. Leider habe man diesen Prozeß in Berlin verschlafen. Oft seien nur verbale Absichten zur Zusammenarbeit geäußert worden, statt wirklich zu handeln. Die Intensität der Beziehungen fehle. Diesem Mißstand soll jetzt konsequenter begegnet werden. Unter Federführung von IBB und Wirtschaftsförderung wird ein Netzwerk geknüpft, das die Wissenschafts-, Technologie- und Wirtschaftspotentiale der drei Stadtregionen Stettin, Posen und Breslau gezielt mit Berlin-Brandenburg zusammenführen soll.
Ein Schritt in diese Richtung ist das von der EU mit 1,5 Millionen Euro geförderte Projekt TeicoNet, bei dem die IBB federführend ist. Es hilft besonders kleinen und mittelständischen Unternehmen aus dem Ostseeraum - sowohl deutschen Firmen, die den polnischen Markt im Blick haben, und polnischen, die auf dem deutschen Markt Fuß fassen wollen. Dazu fanden bereits drei Kooperationsbörsen in Stettin, Posen und Hirschberg (Jelinia Gora) statt. Daran beteiligten sich insgesamt 78 Berliner und 131 polnische Firmen, vorwiegend aus dem Dienstleistungs- und IT-Bereich. Bis heute konnten 52 Kooperationen vereinbart werden. "Ein Beleg dafür, daß das Interesse auf beiden Seiten groß ist, zumal sich die Rahmenbedingungen seit dem EU-Beitritt günstiger gestalten", so Mehlhorn. Auch der Senat richtet nun endlich verstärkt den Blick über Oder und Neiße. Nicht nur die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Warschau soll mit mehr Leben erfüllt werden. Auf mehreren Reisen von Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS) und Vertretern mittelständischer Firmen wurden in den vergangenen Monaten die Kontakte mit den westpolnischen Wojewodschaften verbessert. Für dieses Jahr ist eine Wirtschaftskonferenz zur Gestaltung der Oderregion vorgesehen. Auf ihr sollen Vertreter aus Berlin und Brandenburg sowie Stettin, Landsberg (Gorzow), Posen, Grünberg und Breslau ihre Vorstellungen über eine regionale und wirtschaftliche Zusammenarbeit unterbreiten.

Welt am Sonntag, 1. Mai 2005
 

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