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Türkische Unternehmer schätzen Risikobereitschaft und harte Arbeit
5500 Betriebe mit 23 000 Beschäftigten setzen in Berlin jährlich 3,5 Milliarden Euro um - Es dominieren Handel und Dienstleistungen
Von Uta Alexander
Mit rund 126 000 Personen sind die Türken zahlenmäßig und wirtschaftlich die stärkste Gruppe unter den Ausländern in Berlin. Sie selbst zählen Risikofreude und die Bereitschaft, lange hart zu arbeiten, zu ihren nationalen Tugenden. Seit vor rund 20 Jahren das Ausländergesetz fiel, das ihnen die Selbstständigkeit verbot, blühen ihre Geschäfte auf.„Innerhalb von 20 Jahren entstanden 5500 türkische Unternehmen“, sagt Bahattin Kaya, Vorsitzender des Deutsch-türkischen Unternehmerverbandes Berlin-Brandenburg. Mit 23 000 Beschäftigten steuern seine Landsleute heute rund 3,5 Mrd. Euro zum Berliner Bruttoinlandsprodukt bei, das 2001 bei 75,7 Mrd. Euro lag. Und innerhalb der nächsten zehn Jahre rechnet Kaya mit einer Verdopplung.Der Gründungselan ist ungebrochen. Die Senatswirtschaftsverwaltung verzeichnet eine Selbstständigenquote von 15 Prozent unter den Türken in der Hauptstadt. Das sind vier Prozent mehr als der Bundesdurchschnitt. Allerdings dominieren noch immer Einzelhandel und Gastronomie sowie Dienstleistungen rund um Reinigung, Sicherheit und Kfz. Die ganze Breite zeigen zwei in der Region erscheinende Branchenbücher von jeweils 300 Seiten, ein Who-is-who der türkischen Wirtschaft, die sich gern auf eigene Netze stützt. Das hat Vor- und Nachteile. „Europaweit lassen sich leicht Geschäftskontakte mit Landsleuten anbahnen. Gemeinsame Mentalität und Sprache sind dabei hilfreich“, weiß Sabahattin Sari, Geschäftsführer des Elektro-Fachhandels „Manolya“. Andererseits liegt darin die Gefahr, dass die Türken deutsche Fördermöglichkeiten oft ignorieren. Vor allem Gründungsberatung komme zu kurz, so Hans-Ottmar Petrusch, Förderberater bei der Investitionsbank Berlin. So würden beispielsweise türkische Banken als Kreditgeber bevorzugt, auch wenn die Zinsen höher seien. Hierfür gibt es gute Gründe: Die Amtssprache der deutschen Richtlinien und Formulare bleibt häufig selbst Muttersprachlern unverständlich.Die Wirtschaftsflaute macht besonders den türkischen Unternehmern in Handel und Dienstleistung das Leben schwer. Der allgemeine Konsumverzicht trifft sie genauso wie die deutschen Firmen. Ein schwerer Verlust für die Berliner Wirtschaft, zumal nach Angaben des türkischen Unternehmerverbandes in den vergangenen fünf Jahren zwischen 3000 und 4000 Betriebe in die Pleite steuerten. Mehr als die Hälfte verlor dabei das gesamte private Kapital. Von jährlich 2000 Gewerbeanmeldungen werden 90 Prozent wieder abgemeldet.Ansätze des Senats, besondere Hilfen für türkische Unternehmen zu entwickeln, scheitern bislang an der Finanznot der Stadt. Angedacht waren Kleinkredite bis 20 000 Euro oder günstige Gewerberäume für eine befristete Zeit. Auch die Anregung des türkischen Unternehmerverbandes, türkischen Firmen mit Ausbildungsbeihilfen für Lehrlinge in Höhe von 10 000 bis 15 000 Euro zu unterstützen, ist laut Wirtschaftsstaatssekretär Volkmar Strauch nicht zu realisieren. Er will aber trotzdem etwas tun, um die Rahmenbedingungen für ausländische Unternehmer zu verbessern. Eine große Hilfe wäre zum Beispiel die Anerkennung von türkischen Berufsabschlüssen als Grundlage für eine Gewerbeerlaubnis.
Welt, 21. Januar 2003
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