Rote Karte fürs Blaumachen
Coach gegen die Null-Bock-Stimmung

VON KATJA FISCHER

Der Bund hat sich viel vorgenommen: Die gerade beschlossene Qualifizierungsinitiative soll dem Fachkräftemangel ein Ende setzen und mehr Ausbildungsplätze für Jugendliche schaffen, die laut Fachjargon als "schwer vermittelbar" gelten. Darunter fallen vor allem die mehr als 70 000 Jugendlichen, die die Schule ohne Abschluss verlassen. Ihre Zahl will die Bundesregierung halbieren. Nur wie? Seit 2006 versucht des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend über ein Modellprogramm, Jugendlichen wieder Lust auf Schule zu machen. An dem Projekt "Schulverweigerung - Die 2. Chance" haben bislang mehr als 1800 Schüler teilgenommen.
Im Fokus stehen Mädchen und Jungen der Klassen sechs bis neun. Gerade in dieser Altersgruppe wird Schule oft zum Problem. An 73 Standorten im gesamten Bundesgebiet wurden deshalb Koordinierungsstellen eingerichtet. Jugendliche und ihre Eltern finden hier Ansprechpartner, die neudeutsch Case-Manager heißen und meist erfahrene Sozialarbeiter sind. Mit ihnen wird den Schülern jeweils ein persönlicher Coach zur Seite gestellt, der sie nach ihren individuellen Bedürfnissen berät und begleitet. Hauptziel ist ein Schulabschluss, der den Weg ins Arbeitsleben ebnet.
Mit dem Klassenlehrer stellt der Coach meist einen individuellen Förderplan auf. Wichtig dabei: Lernziele müssen auch erreichbar sein. Von Bedeutung ist, dass die Schulen mitziehen und sich neuen, abwechslungsreichen und damit motivierenden Unterrichtsformen nicht verschließen. Gerade Erfolgserlebnisse, die Spaß am Lernen bringen, sind für Schulverweigerer nicht selbstverständlich. Die meisten kommen aus sozial schwachen Elternhäusern. "Viele Mütter etwa sind allein erziehend, leben von Sozialhilfe, haben keinen Berufsabschluss. Ihr schwaches Selbstbewusstsein, Versagensängste und Überforderung übertragen sich auf die Kinder", erklärt Programmleiter Josef Faltermeier.


"Jedes Kind hat seine eigenen Gründe, sich zu verschließen"

VON UTA ALEXANDER

Projekt-Koordinatorin Birgit Habermann über die Problematik, ein Universalrezept für Schulverweigerer zu finden.


Frau Habermann, Ihr Team ist für einen Landkreis zuständig. Wie viele Schulen gehören dazu?
Sechs, die meisten in Falkensee, Rathenow und Friesack, also im westlichen Umfeld von Berlin.

Wie hoch schätzen Sie die Zahl der Schulverweigerer?
Nach einer gründlichen Analyse können wir relativ genau sagen, dass mindestens 180 Kinder Bedarf hätten. Aber unser Projekt begrenzt uns auf jeweils 15 Schüler, um die wir uns gleichzeitig intensiv kümmern können. Manche brauchen uns jedoch nur zwei, drei Monate lang, sodass wir seit Gründung des Programms 42 Kinder betreut haben.

Wie wählen Sie die Teilnehmer aus?
Mit Schulverweigerung ist nach unseren Kriterien gemeint, dass Kinder öfter mehrere Tage hintereinander unentschuldigt fehlen. Noch entscheidender ist die grundsätzliche Haltung zur Schule. Es handelt sich um Kinder, die, selbst wenn sie im Unterricht sitzen, innerlich abwesend sind.

Spielt auch die Einschätzung des Elternhauses eine Rolle?
Ja, denn meist liegt ja die Wurzel des Problems dort. Mitarbeiter des Jugendamtes gehen mit Sozialpädagogen und Psychologen zu den Kindern nach Hause, um einen Eindruck von ihrer Lebenssituation zu bekommen und mit den Eltern zu sprechen. Oft sind diese einfach nur zeitweise überfordert, aber besorgt um ihr Kind und froh über kompetenten Beistand. Wenn berechtigte Hoffnung besteht, dass Jugendliche nach einem Jahr wieder normal zur Schule gehen werden, nehmen wir sie in Obhut.

Was passiert mit den aussichtsloseren Fällen?
Mit unseren Mitteln - gezielter Nachhilfe, Ermutigung, Gesprächen - ist Totalverweigerern nicht zu helfen. Für sie gibt es außerschulische Fördermöglichkeiten, um zu einem beruflichen Abschluss zu kommen.

Kümmern Sie sich selbst um Schulverweigerer?
Nein, ich koordiniere die Arbeit von Sozialpädagogen, Ergotherapeuten, Psychologen und Lehrern, die Nachhilfe geben. Das sind insgesamt elf verschiedene Fachleute, die natürlich nicht ständig neben dem Kind herlaufen, sondern bei Bedarf eingesetzt werden. Diese Berufe-Mischung ist wichtig, denn Schulverweigerung ist ein vielschichtiges Problem, das mehrere Ursachen hat.

Gibt es trotzdem ein Grundprinzip des Herangehens?
Wir versuchen erst einmal, die Kinder überhaupt wieder für irgendetwas zu interessieren. Etwas zu finden, das ihnen emotional etwas gibt. Das sie bewegt, überhaupt wieder irgendwo hinzugehen. Wir möchten sehen, wie sie sich verhalten, wenn kein Druck auf ihnen lastet. Man bekommt dann ein völlig neues Bild von diesen Jungen und Mädchen, die von ihren Mitschülern manchmal sehr unfein behandelt werden, als ewige Verlierer.

Was zieht bei solchen Kindern besonders?
Alles, was nicht in der Schule spielt. Ihr wollen sie ja ausweichen. Im Dezember etwa hatten sieben Teilnehmer die Möglichkeit, auf künstlerischem Gebiet etwas auf die Beine zu stellen. Sie zeichneten, machten Linolschnitte.

Ist nicht danach alles wieder schnell beim Alten?
Nein, ein solches Programm bleibt nicht ohne Wirkung. Ich war gerührt, als ich sah, wie wichtig den Kindern ihre Arbeit war. Sie haben sich voll damit identifiziert und angestrengt, ohne dass Zensuren winkten. Es sind richtig interessante Sachen herausgekommen. Die Kinder haben, was bei Schulverweigerern selten ist, auch zusammengearbeitet. Als Gemeinschaftswerk entstand ein wunderbares riesiges Bild, das in der Schule hängen wird. Alle sollen es sehen.

Ein Universalrezept für Schulverweigerer gibt es wohl nicht ...
Nein, denn dazu sind die Ursachen für die Blockade zu individuell und auch die Form, wie sie sich ausdrückt. Man kann Schulverweigerer nicht als Gruppe sehen. Jedes Kind hat seine ganz eigenen Gründe, sich zu verschließen und auf Abwehr zu gehen. Oft sind es häusliche. Etwa, dass die Mutter die Familie verlassen hat. Dann blocken Kinder oft auch Lehrerinnen und Erzieherinnen ab. Wir stellen ihnen dann einen Mann als Ansprechpartner zu Seite. Manchmal sind nur in einem Fach Riesenlücken entstanden; die Kinder können dem Stoff nicht mehr folgen, sie resignieren. Manchmal hat ein Kind einen riesigen Gesprächsbedarf.

Wer sagt Ihnen, wann welches Kind welchen Bedarf hat?
Die Lehrer natürlich. Ohne sie würde unser Programm nicht funktionieren, insbesondere, was die gezielte Nachhilfe angeht, die wir außerhalb der Schule anbieten. Das stieß anfangs auf große Skepsis und es dauerte eine Weile, bis Lehrer uns nicht mehr als Konkurrenz ansahen, sondern als die Hilfe, die wir tatsächlich sind.

Ihr Programm läuft jetzt ein Jahr. Sehen Sie Erfolge?
Auf jeden Fall. Nur ein Beispiel: Eine Zwölfjährige stand kurz vor der Förderschule. Sie konnte sich nicht konzentrieren, sich nichts merken und gab allmählich ganz auf. Nach einem halben Jahr mussten wir sie aus dem Programm nehmen, ihre Zensuren waren zu gut. Sie brauchte einfach intensive Zuwendung. Bei 30 Kindern in der Klasse ist ein Lehrer damit überfordert.

 

Frankfurter Rundschau vom 11.01.2008

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