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Handy meldet: Segelwetter auf dem Wannsee
Berlin hat dichtestes Netz an Wetterstationen/ Meteorologen nutzen Wetterdaten für immer neue Dienstleistungen
Von Uta Alexander
Von allen deutschen Regionen hat Berlin das dichteste Netz an Wetterstationen. Zwar sind das nur kleine Hütten, in denen Geräte Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck und Windstärke messen. Und sie sind meist so unscheinbar, dass sogar direkt am Alexanderplatz eine stehen kann ohne aufzufallen. Aber immerhin: Berlin ist Rekordhalter.
Betreiber sind unter anderem das Meteorologische Institut der Freien Universität, der Deutsche Wetterdienst DWD und Meteofax, der deutsche Ableger des Schweizer Wetterdienstes Meteomedia. Dessen Gründer Jörg Kachelmann avancierte zum Superstar unter den TV-Wetterfröschen, weil er Kaltfronten und Tiefdruckgebiete unterhaltsam ankündigt. Meteofax, das sich selbst auf seine Exaktheit genau so viel einbildet wie auf seine Originalität, misst unter anderem in Kreuzberg, Buch, Adlershof, Marienfelde, Siemensstadt, am Wannsee und am Müggelsee.
Präzise Wetterdaten sind wichtig für zuverlässige Vorhersagen. Und die sind heiße Ware, denn rund 40 Prozent aller geschäftlichen Unternehmungen sind wetterabhängig. Beispielsweise die Land- und die Bauwirtschaft, Sportveranstalter, Event-Agenturen, die Stadtreinigung oder Gastronomen, die wissen wollen, ob sie am Wochenende die Terrassenmöbel rausstellen und zusätzliche Kellner anheuern sollen. Sie alle zahlen gern für treffsichere Prognosen. Auch Medien und Privatleute lassen sich Wetterberichte einiges kosten.
Je dichter Wetter-Mess-Stationen stehen, desto genauer fallen die regionalen Wetter-Aussagen aus. In Berlin kann es von Stadtbezirk zu Stadtbezirk große Unterschiede geben. Bodenfrost in Pankow etwa heißt noch lange nicht, dass es auch in Mitte friert. Was einen Zeitraum von 12 Stunden betrifft, hat Berlin wohl das am genauesten vorhersagbare Wetter. Langfristigere Prognosen, die auf Wetterdaten der Nachbarländer basieren, sind genauso vage wie überall auf der Welt.
Nicht weil Berlin Hauptstadt ist, nimmt man hier das Wetter besonders ernst. Grund sind vielmehr seine drei Flugplätze. Ohne wirklich verlässliche Wettervorhersagen gäbe es dort keinen sicheren Flugbetrieb. Während normale Stationen nur mit Messgeräten bestückt sind, zählen die in Tempelhof, Tegel und Schönefeld zu den bemannten. „Dort beurteilt zusätzlich ein Mensch das Wettergeschehen. Alle halbe Stunde notiert er beispielsweise die Dichte der Bewölkung oder die Art der Niederschläge“, erklärt Dennis Schulze vom Wetterdienst MC-Wetter in Berlin. Auch solche Beobachtungen werden in Rechner eingegeben und international verbreitet.
„Wetterdaten sind kostbar. Die Kunst besteht darin, sie zu nützlichen Dienstleistungen zu verarbeiten“, sagt Meteorologe Schulze. Die Wetterfrösche lassen sich immer mehr einfallen. Zum Beispiel „Biowetter“, Motorradwetter, Wettergutachten für Schäden durch Blitz, Hagel und Sturm oder Abfragemöglichkeiten für die heimische Gartenparty per Telefon oder Fax. MC-Wetter entwickelte eine neue Methode zur Vorhersage von Straßenglätte. Dabei werden Straßenoberflächentemperaturen aus automatischen Mess-Stationen mit anderen Wetterdaten kombiniert. Energieversorger können sich Prognosen über Energie-Erträge von Windkraftanlagen für drei bis fünf Tage im Voraus machen lassen. Zusammen mit der Freien Universität entstand ein Vorhersagedienst für Wassersportler unter wind-berlin.de. Noch weitgehend unbekannt ist Wetter als Geschenkidee: Eine SMS über die stundengenaue Windstärke auf einem Berliner See eigener Wahl etwa kostet bei MC-Wetter pro Monat 8,25 Euro. Das Meteorologische Institut der Freien Universität Berlin vermarktet Patenschaften für Hoch- und Tiefdruckgebiete. Für 199 Euro kann man einem Tief einen Namen geben, für 299 Euro ein Hoch benennen. Das ist teurer, weil es länger anhält.
In Deutschland agieren derzeit 19 private Anbieter, die im Verband Deutscher Wetterdienstleister (VDW) vereint sind. Lange und zäh intervenierte dieser gegen den staatlichen Deutschen Wetterdienst (DWD). Der Vorwurf: Der DWD biete kommerzielle Leistungen wie etwa Wettervorhersagen für die Medien oder die Landwirtschaft, zu Dumpingpreisen an. Das lasse fairen Wettbewerb und Innovationen bei Wetterdienstleistungen nicht aufkommen. Während in den USA private Wetterdienste mit 4000 Mitarbeitern jährlich bis zu 700 Mio. Dollar Umsatz erwirtschafteten, bringe es Europa lediglich auf 300 Jobs und zwischen 30 und 50 Mio. Euro Umsatz. „In Berlin ist mit MC-Wetter nur ein privater Wetterdienstleister mit 20 Mitarbeitern ansässig“, so Dennis Schulze, als Geschäftsleiter von MC-Wetter auch VDM-Sprecher. Im weitesten Sinne könne man noch die Berliner Firmen Meteographics, die Software zur Visualisierung von Wetterdaten liefert, und Meteo Service, einen Zulieferer statistischer Prognoseverfahren, hinzuzählen. Einen Schub werde es in absehbarer Zeit nicht geben. Zum 1. Januar dieses Jahres schloss zwar der DWD seine Sparte Medien- und Geschäftskunden. „Der in Aussicht gestellte Rückzug aus dem Geschäft mit kommerziellen meteorologischen Dienstleistungen war aber nur halbherzig“, meint Schulze. Es seien vielmehr Kooperationen mit Partnern eingegangen worden. Immerhin bekam MC etwas vom Kuchen ab und liefert seit Januar Wetterprognosen an den einstigen DWD-Kunden RBB.
Welt am Sonntag, 12.4.04
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