gewehrteile

JAGDWAFFEN

Gewehrteile warten auf die Montage zur fertigen Waffe (Foto oben). Die typischen flach gestochenen Gravuren (unten) machen Gewehre au Suhl unverwechselbar

Maßgeschneiderte
Unikate aus Thüringen
Seit 500 Jahren werden in Suhl Handfeuerwaffen gebaut. Die zu DDR-Zeiten auf Massenproduktion getrimmten Büchsenmacher setzen jetzt wieder auf handwerkliche Qualität.

waffe

Die Leuchtschrift “Suhler Waffen haben Weltruf” wirkt deplaciert. Dahinter steht nämlich nur ein leeres Fabrikgebäude. Lediglich das Waffenmuseum im Stadtzentrum scheint noch an die Tradition der Thüringer Stadt als bedeutendste Waffenschmiede Europas zu erinnern.

Und doch: Jäger und Waffensammler wissen, daß sie in Suhl wieder Meisterstücke des Büchsenmacherhandwerks kaufen können. Das Jagdwaffenwerk – zu DDR-Zeiten waren darin 6000 Menschen beschäftigt – hat sich als jetzt mittelständischer Betrieb mit knapp 200 Mitarbeitern etabliert und auf ein winziges Produktionsgelände am Bahnhof zurückgezogen.

Beinahe wäre das Unternehmen ganz von der Bildfläche verschwunden. Die Treuhand hatte den einst größten europäischen Handfeuerwaffenhersteller im August 1992 übereilt an holländische und französische Investoren verkauft. An Managementfehlern und Konzeptionslosigkeit wäre die Firma fast eingegangen. Dann fand sich Ende 1993 mit der österreichischen Steyr Mannlicher AG ein neuer Interessent.

Die österreichischen Waffenproduzenten halten 51 Prozent, eine Beteiligungsgesellschaft für Wiederaufbau Thüringens (BWT) – hundertprozentige Tochter der Thüringisch-Hessischen Landesbank – 49 Prozent. Vom Image der vergangenen 40 Jahre – “Suhler Waffen sind gut und billig” – hat sich Elmar A. Schefold radikal verabschiedet. Der Geschäftsführer der Jagd- und Sportwaffen GmbH: “Wir standen vor der Wahl: industrielle Massenproduktion im unteren Preissegment oder teure Handarbeit.”
Die Entscheidung fiel zugunsten der Handarbeit.Auch die kleinen selbständigen Büchsenmacher- und Graveurbetriebe, Rohrmacher und Schäfter in Suhl haben diese Tradition während der DDR-Zeit, als der Trend zur großen Serie ging, nie aufgegeben. Diese Familienbetriebe existieren seit vielen hundert Jahren. Mit der Zeit wurden es allerdings immer weniger. 945 gab es noch 400 private Waffenschmieden, 1967 nur noch 100, heute sind es knapp 30. Die Werkstätten an vielen Stellen der Stadt bestehen oft nur aus einem Raum im Wohnhaus.

Obwohl sich die Waffenschmieden mit Werbung zurückhalten, sind sie auf dem Markt gut präsent. Das Understatement gehört zum Konzept. Alle Suhler Waffenbauer konzentrieren sich auf das Segment, in dem sie als Fachleute bekannt sind: auf die Herstellung von Kipplaufwaffen für Jäger sowie Sportgewehre. Damit besetzen sie eine lukrative Nische auf dem hart umkämpften Waffenmarkt.
 

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In der Werkstatt von Rohrmacher Fritz Schilling (rechts) sieht es aus wie vor 100 Jahren

Den teilen sie sich mit ausschließlich mittelständischen deutschen Anbietern wie Krieghoff in Ulm, Sauer & Sohn in Eckernförde oder Blaser in Isny. Europäische Konkurrenz kommt aus Ferlach in Österreich, von Perazzi aus Italien sowie Herstellern aus Belgien, Spanien und Tschechien.

Jäger lassen sich ihr Hobby eine Menge kosten. Zu DDR-Zeiten war es eher eine Frage der Beziehungen als des Geldes, ob einer jagen durfte. Heute muß der Waidmann dagegen nicht nur für seine Flinte tief in die Tasche greifen.

Dieter Helm, Fachverkäufer im Suhler Waffenladen, muß sich mit der Rolle als Treiber begnügen. Er kann es sich nicht leisten, für 6000 Mark im Jahr ein Revier zu pachten oder für jeden Hirsch mindestens 5000 Mark Abschußgebühr zu zahlen. Wie ihm geht es vielen Einheimischen, und so ist es nicht verwunderlich, daß die meisten Kunden der Suhler Büchsenmacher aus dem Westen kommen.

Jagdwaffen aus Suhl - dieses Markenzeichen stehen für einen Stil, der sich über Generationen herausgebildet hat. Markant sind besonders die - im Unterschied etwa zu österreichischen Waffen - filigranen Gravuren mit Jagdszenen oder Landschaftsmotiven und die aufwendigen Schnitzereien im Nußbaumholz der Gewehrschäfte. Einzigartig sind auch bunt gehärtete Systemteile, die das Gewehr in bläulichem Perlmuttglanz schillern lassen.

Jede Waffe ist ein Unikat, aber Experten erkennen an den harmonischen Proportionen, der Form der Muschel, der Schäfte und der Abzugsbügel die Thüringer Arbeit. Gerühmt wird besonders die Gängigkeit der Mechanik.

Eine "Merkel" aus Suhl gehört ebenso in eine Sammlung wie eine handwerklich gefertigte Waffe aus Ferlach oder eine Perazzi aus Italien. Liebhaber lassen sich die Luxusversion bis zu 50 000 Mark kosten. Dafür bekommen sie Extras wie Tierstückeinlagen in Silber und Gold auf den Seitenschloßplatten, schottische Fischhaut auf die Pistolengriffkäppchen und das Schaftmagazin.

Für solche Waffen nehmen Kunden viele hundert Kilometer Anfahrt nach Suhl in Kauf. Ein Gewehr - zumal wenn es den Preis eines Mittelklassewagens hat - besorgt sich kaum jemand im Laden. Ein solches Stück bestellt der Liebhaber beim Meister.
 
 Zum Beispiel bei Helmut Reinhardt. Er gehört zu den wenigen übriggebliebenen Büchsenmachern, die alle Wechselfälle des Lebens überstanden haben und immer noch in seiner Ein-Mann-Werkstatt hoch über Suhl auf Röderfeld arbeitet. Hier montiert er Tag für Tag Laufbündel, Basküle, Schloß und Schaft zu kompletten schußbereiten Waffen. Das heißt Feilen, Anpassen, Feilen und Anpassen, bis die über 100 Metallteile lautlos zusammenspielen wie ein Schweizer Uhrwerk. Ein Jahr oder gar zwei Jahre dauert es, bis ein aufwendiges Stück fertig ist. Helmut Reinhardt baut höchstens an zehn Waffen gleichzeitig.

Gerade hat er die Arbeit an einer besonders wertvollen Büchse beendet. Sie ist im Panzerschrank sicher verschlossen, bis ihr Käufer sie abholt. Es ist eine schlanke Doppelbüchse mit Schaftmagazin. Läufe und Schaftform sind dem Schützen angemessen wie ein Designeranzug. Auf dem Schloß glänzen unter einer Adelskrone die Initialen des Kunden.

Der war ein paarmal bei Helmut Reinhardt gewesen, um seine Waffe anzuprobieren. Danach daß er neben dem Büchsenmacher auf einem altersschwachen Stuhl vor dem elektrischen Heizlüfter, sah dem Meister bei der Arbeit zu und genoß den weiten Blick über die Stadt. “Bei uns ist noch alles so wie vor 100 Jahren”, sagt Reinhardt. “Wir brauchen keine Salons und Handelsvertreter. Ein fachkundiges Gespräch über die Jagd ist die bessere Verkaufsstrategie.”

Helmut Reinhardt hat noch nicht mal ein Firmenschild an seiner Tür. Dennoch kommen jeden Tag Leute. Meist wollen sie ihr Gewehr reparieren oder ein Zielfernrohr anpassen lassen. Immer wieder ist auch ein Besucher dabei, der sich ein neues Gewehr bestellt. 
Dann kann Helmut Reinhardt sich auf sein Team verlassen, auf den Graveur, den Rohrmacher und den Schäfter. Ohne diese Gewerke kommt ein Büchsenmacher nicht aus. Er hat die Wahl unter knapp 20 selbständigen Suhler Fachleuten, von denen jeder seine eigene Handschrift pflegt.

Einem Mann von Adel empfahl Helmut Reinhardt “den besten Graveur Deutschlands”, Joachim Heym. Er nahm ihn gleich in Heyms Wohnhaus mit, ein paar Häuser von seiner eigenen Werkstatt entfernt. Ein Büro hält Heym für überflüssig, den Besuch bittet er immer an seinen Küchentisch. Dort entwirft er aus dem Stand heraus die Zeichnungen für die Gravuren.

“Bis ins Detail naturalistisch”, beschreibt Heym seinen Stil. Jagdszenen und Landschaftsmotive sind seine Spezialität, aber auch erotische Szenen und Karikaturen. Zum Erstaunen seiner blaublütigen Kunden kennt er sich exakt in der Wappenkunde aus. “Die Krone eines Grafen hat neun Zacken, die eines Freiherrn sieben – das muß man einfach drauf haben in meinem Beruf”, meint Heym. Damit keine seiner Gravuren einer anderen genau gleicht, hebt er frühere Entwürfe nicht auf: “Ich will mich nicht selbst kopieren.”

DM 4/95

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Helmut Reinhardt (oben) baut Gewehre im Ein-Mann-Betrieb. Graveur Joachim Heym (Mitte) komponiert perfekte Jagdszenen. Otto Engelhardt (unten) verwandelt Holz- kloben in elegante Gewehrschäfte

[Maßgeschneiderte Unikate -  Jagdwaffen aus Thüringen]