Die Bugwelle wächst

In den neuen Bundesländern sind Zehntausende junge Leute vergeblich auf Lehrstellensuche, darunter immer mehr „Altnachfrager“/ Massenhafte Abwanderung

 

Wer kann, drückt sich. Die Abschlussrede für die zehnten Klassen, sonst eine beliebte Gelegenheit, 16-Jährige mit Witz und Lebensweisheiten auf neue Wege zu schicken, war in diesem Sommer bei Lehrern unbeliebter denn je. Denn von knapp 30 Schülern einer Klasse weiß bestenfalls ein Drittel, wie ihr Leben weiter geht. Die letzten Ferien sind für sie Stress pur. Sie werden Bewerbungen schreiben – und unter den Augen der besorgten Eltern Absage um Absage aus dem Briefkasten holen müssen. Was sagt man Jugendlichen mit solchen Aussichten?

Die Situation ist angespannt wie lange nicht mehr. Die Bundesanstalt für Arbeit rechnet damit, dass im Herbst 70 000 Schulabgänger bundesweit ohne Ausbildungsplatz sein werden. Besonders krass ist die Lage in den neuen Bundesländern. Allein in Mecklenburg-Vorpommern suchen 13 000 Schulabgänger eine Lehrstelle. Aber nur 4100 Plätze sind frei.

„Ich glaube nicht, dass Ende September in unserer Region alle eine Lehrstelle bekommen, die es wollen“, schätzt Manfred Möller, Geschäftsführer des Überregionalen Ausbildungszentrums Waren/Grevesmühlen (ÜAZ) die Lage ein. Eine bittere Pille für den engagierten Pädagogen. Schon seit Mai schickt er seine Mitarbeiter auf Akquisitionstour in Firmen. Dreißig zusätzliche Lehrstellen konnten sie dabei auftun. „Vielleicht kommen wir bis September auf 40“, hofft Möller.

Firmen für die Ausbildung zu gewinnen, ist im strukturschwachen Mecklenburg ein mühseliges Geschäft. 70 Prozent verweigern sich jeglichen Argumenten und nehmen keine Lehrlinge auf. „Viele Unternehmen denken, sie seien zu klein dafür“, meint Andreas Schröder, im ÜAZ zuständig für Berufsausbildung. „Deshalb organisieren wir Ausbildungsverbünde.“ Dabei kümmere sich das ÜAZ, größter Bildungsanbieter in der Region, um alle Details. Von der Vorauswahl der Bewerber für die jeweilige Firma bis zum Ausfüllen der umfangreichen Formulare reicht ihre Hilfestellung. Das ist weit mehr, als Bildungsträger gemeinhin tun. Manfred Möller sieht jedoch keine Alternative zu der zähen Kleinarbeit: „Plakative Aufforderungen wie ‚Schafft Lehrstellen' bringen uns keinen Schritt weiter. Man muss auf jede einzelne Firma zugehen. So konnten wir jedenfalls 13 Betriebe dazu bewegen, erstmals einen Lehrling zu nehmen.“

Trotzdem sind die außerbetrieblichen Lehrlinge, die ihren Lehrvertrag nicht mit einem Ausbildungsbetrieb, sondern dem ÜAZ geschlossen haben, mit zwei Dritteln weit in der Überzahl. Einer davon ist Enrico Kruse. Der 21-Jährige hat sein erstes Lehrjahr als Koch abgeschlossen. „Nicht gerade mein Traumberuf“, meint Kruse, der nach 30 erfolglosen Bewerbungen vom Arbeitsamt ans ÜAZ vermittelt wurde. „Aber die Lehre will ich auf alle Fälle durchziehen.“ Ob er danach in seiner Heimatstadt bleiben kann, ist jetzt für ihn noch kein Thema. Er macht sich keine Illusionen über seine Zukunft. Viele seiner Freunde sind längst in Richtung Hamburg abgewandert.

15 500 Einwohner verließen allein im Jahr 2002 das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, so viel wie die gesamte Einwohnerschaft der Stadt Anklam. Vor allem junge Frauen zwischen 18 und 21 suchen ihre Chancen in anderen Bundesländern. Sie gehen teils mit, teils noch ohne Ausbildung und kehren erfahrungsgemäß kaum je zurück. Im vorigen Jahr verlor das Bundesland 1 900 junge Frauen, dreimal mehr als junge Männer.

Es sind die aktivsten und zielstrebigsten eines jeden Jahrganges, die ein Schicksal als Sozialhilfeempfänger nicht hinnehmen wollen. So Robert Stichling, einer der besten Lehrlinge in seinem Ausbildungsbetrieb auf dem Darß. „Trotzdem konnte mich mein Chef nicht übernehmen. Es ist einfach zu wenig Arbeit da.“ Nach vergeblicher Jobsuche verließ der 24-jährige Heizungsinstallateur sein Heimatdorf an der Küste und lebt jetzt im Schwarzwald. „Es ist schlimm, wenn viele weggehen. Es ist aber auch schlimm, wenn sie hier sitzen und sich langweilen“, sagt Ausbilder Andreas Schröder fatalistisch.

„Zehntausende junge Leute wissen nicht, was nach der Schule kommt. Das ist das große Dilemma der Ostländer“, konstatiert Günther Fuchs, Landesvorsitzender der GEW in Brandenburg. Die dramatische Situation werde bis mindestens 2008 anhalten. Dann kommen geburtenschwache Jahrgänge und entschärfen die Statistik. Theoretisch. Experten ahnen, dass es auch 2008 keine Entwarnung geben kann. Rund 40 Prozent der Lehrstellensuchenden seien in Berlin und Brandenburg aus den letzten Jahren übrig geblieben, weiß der stellvertretende DGB-Landesvorsitzende Bernd Rissmann. Von Jahr zu Jahr werde die Bugwelle größer. Sachsen-Anhalt zählt ebenfalls 40 Prozent „Altnachfrager“. Dahinter verbergen sich überwiegend Jugendliche, die in einjährigen Grundausbildungslehrgängen, auch Warteschleifen genannt, geparkt sind. Verheerend für die Motivation.

Florian Langner absolvierte nach seinem Realschulabschluss im Juni 2002 einen mehrwöchigen Kurs, der ihm grundlegende handwerkliche Fähigkeiten vermitteln sollte. „Mit einer Lehrstelle hat es nicht geklappt, obwohl der Berufsberater beim Arbeitsamt wirklich viel versucht hat“, sagt Florian, der gern Einzelhandelskaufmann oder Gärtner werden würde. Auf keinen Fall will der 17-jährige Berliner aufgeben. „Es ist ätzend. Meine Mutter geht zur Arbeit, meine Schwester zur Schule und ich hänge nur rum.“

„Wenigstens unsere Jüngste wollen wir unterkriegen“, hofft Brigitte Michel aus dem sächsischen Kosel, die sich mit ihrer Tochter Steffi im Schulungszentrum der Berufsakademie Ostsachsen in Weißwasser umsah. In ihrer Familie sind alle arbeitslos. Steffi ist zu allem bereit. Tierpflegerin oder Näherin, egal. Theoretisch hätten Schulabgänger die Wahl unter 370 Ausbildungsberufen. Doch selbst wer nicht Kaufmann oder –frau, Kfz-Mechaniker oder Friseuse werden will, - klassische Berufe, die in der Beliebtheitsskala ganz oben stehen und deshalb überlaufen sind, sucht meist vergeblich. Auch in den neu geschaffenen Berufen wie Fachinformatiker, Mediengestalter oder Mechatroniker gibt es weitaus mehr Bewerber als Stellen. Nicht was man werden will, entscheidet über die berufliche Zukunft. Man muss nehmen, was man zufällig bekommt.

Wählerisch, was den künftigen Beruf angeht, ist im Osten bei manchmal mehreren hundert Bewerbern für eine Stelle kaum noch ein Schüler. Schon aus der Statistik ist ersichtlich: Zwei Drittel der Schulabgänger bleiben außen vor. Klassenlehrer gehen oft schon in den 7. und 8. Klassen mit ihren Schülern in Berufsberatungszentren, nutzen „Tage der offenen Tür“ an Schulungszentren oder Betriebsakademien, besuchen Ausbildungsmessen. Bewerbertraining steht an vielen Schulen im Deutschunterricht auf dem Plan.

„Es ist frustrierend, wenn am Ende alles vergeblich ist“, sagt Frank Schröder aus Neubrandenburg, Mitglied der DGB-Jugend Nord. Viele seiner Bekannten gingen nach Dutzenden Bewerbungen leer aus, darunter gute Schüler, die durchaus ein Gewinn für Firmen sein könnten. „Sie hatten einfach keine Chance“, so Schröder. Um auf die Situation aufmerksam zu machen, demonstrierte er am Rande der Berufsausbildungskonferenz im Juli in Schwerin. Wie seine Freunde aus der DGB-Jugend stand er mit einer Angel da und fischte symbolisch im Trüben nach Lehrstellen. Die Verantwortung für die Ausbildung liegt bei der Wirtschaft, so der Standpunkt der DGB-Jugend Nord. Wer nicht ausbildet, soll zahlen. Der DGB insgesamt plädiert ganz klar für eine Ausbildungsabgabe. Bislang nimmt die öffentliche Hand den Firmen die Verantwortung ab. Sie investiert jährlich rund eine Milliarde Euro in außerbetriebliche Ausbildung. „Obwohl sie inhaltlich oft hochwertig ist, kann sie keine dauerhafte Alternative zum Dualen System sein“, sagt Andreas Schröder. „Es fehlt die lebendige Wirklichkeit in einem Betrieb. Keinem jungen Maler macht es Spaß, wenn er in seiner Ausbildung frisch geklebte Tapete wieder abreißen muss, damit der Nächste üben kann.“

Uwe Kroedler, Studiendirektor am Oberstufenzentrum Versorgungstechnik in Berlin, will sich nicht damit abfinden, dass jährlich 12 000 Berliner Schüler nach der 10. Klasse in Warteschleifen landen. Der Projektleiter für den Schulversuch „Schulbegleiteter Berufseinstieg“ setzt früher an. „Meist zeigt sich schon in der 7. Klasse, welche Schüler Schwierigkeiten haben und schulmüde sind. Statt sie bis zum Ende der 10. Klasse durchzuziehen, holen wir sie ab der 9. Klasse für zwei Jahre an die berufsbildende Schule“, erklärt er sein Projekt, das im August begann. 75 Schüler durchlaufen jetzt den ersten praxisorientierten Ausbildungsgang, der sie auf ein Berufsfeld vorbereiten soll. Sie können zwischen sechs Bereichen wählen, von der Metalltechnik bis zur Hauswirtschaft. Kroedler: „Die praktische Ausbildung übernehmen Bildungsträger und Firmen. Es war nicht leicht, Betriebe zu finden, die sich beteiligen. Doch einige Metallfirmen und Hotels fanden sich bereit.“

Am Ende der zweijährigen Ausbildung, die auch allgemeinbildenden Unterricht in Kernfächern enthält, steht der einfache Hauptschulabschluss. „Alle Leistungen werden zertifiziert und die gesamte berufliche Vita in einem Qualitätspass dokumentiert“, sagt Uwe Kroedler. Er ist überzeugt, dass die Schüler damit eher einen regulären Ausbildungsplatz bekommen. Voraussetzung ist allerdings, dass sie die Sache durchziehen. „Sie dürfen nicht scheitern. Es ist ihre letzte Chance“, weiß der Pädagoge.

Uta Alexander, Katja Fischer

Erziehung und Wissenschaft, 9/2004

 

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