Tag der Bildung

Ziel: Eine selbstbewusste und lernmotivierte Jugend

Mehr als 500 Veranstaltungen rund um den bundesweiten „Tag der Bildung“ unter dem Motto: Bildung als soziale Frage des 21. Jahrhunderts

 

Heißer Sommer in Berlin. Entlang der Touristenmeile Unter den Linden bewegt sich ein bunter Demonstrationszug. Eltern mit Kindern sind dabei, Studenten, Teenager und Lehrer. Warum sie an diesem letzten heißen Freitag im Juni auf die Straße gehen, steht auf ihren Transparenten zu lesen: Wir lassen nicht locker. Es geht um die Zukunft der Bildung.

Ein Aktionsbündnis von Bürgern, Pädagogen und Verbänden, Kirchen und Gewerkschaftern zeigt seine Stärke. Die einzelnen Forderungen sind unterschiedlich. Sie reichen von der Ablehnung von Studiengebühren über Chancengleichheit im Schulsystem bis zum Protest gegen unbezahlte Mehrarbeit für Lehrer. Gemeinsam ist allen der Frust gegen hohle Versprechungen der Politik, die Bildung nicht wirklich Priorität einräumt. Ein durchgängiges Reformkonzept für die Bildung für alle Bereiche von der Kita bis zur Hochschule ist fällig, meinen die Demonstranten. Sie wollen jetzt, über ein Jahr nach PISA, endlich Entscheidungen, die zu einer Steigerung der Qualität im Bildungswesen führen.

Nicht nur in Berlin läuft der Countdown. Bundesweit gibt es am 27. Juni 2003 Hunderte von Veranstaltungen in den verschiedensten Bildungseinrichtungen. Es ist der „Tag der Bildung“, Höhepunkt der Qualitätsoffensive der GEW „Rettet die Bildung.“ Im Vorfeld gab es in allen Ländern über 500 Veranstaltungen, Diskussions- und Aktionsforen, an denen an die 100 000 Teilnehmer ihre Positionen formulierten. „Wir wollen deutlich machen, dass wir bereit sind zum Handeln. Wir möchten uns mit Politikern an einen Tisch setzen, um einen Masterplan für die Bildung in Deutschland zu erarbeiten“, stellte GEW-Bundesvorsitzende Eva-Maria Stange klar. Ziel sei ein abrechenbarer Zehn-Punkte-Plan, mit dem die Bundesrepublik in den nächsten zehn Jahre an die Weltspitze anknüpfen kann.

Auf der zentralen Veranstaltung im ehemaligen Staatsratsgebäude in Berlin wird klar, wie weit man davon noch entfernt ist. Eingeladen hatte ein Bündnis aus BundesschülerInnenvertretung (BSV) , Bundes Eltern Verband Kindertageseinrichtungen (BEVK) und Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Videosequenzen geben den Teilnehmern ein Bild davon, wie weit Anspruch und finanzielle Möglichkeiten auseinander klaffen. So filmte Nora Mahari, Leiterin der Kita Kreuzkirche in Oberursel, die offene Arbeit in den Erlebnis- und Sinnesräumen ihrer Einrichtung. Die Vorschulkinder üben hier Riechen, Schmecken, Tasten, Greifen. Alltägliche Vorgänge, die ihre Sensorik und Motorik schulen. „Wir würden gern noch mehr solche Angebote unterbreiten. Dazu braucht man aber Zeit und uns fehlt ausgebildetes Personal“, sagte die Erzieherin. In der Leipziger Mittelschule „Am Adler“ ist zwar ein vorbildliches Klassenzimmer im Freien entstanden, in dem nicht nur Kunst-, sondern auch Mathe und Sprachen gelehrt werden. Doch die Ausstattung der Schule selbst lässt noch viele Wünsche offen.

„Es bewegt sich was, wenn auch meist nur im Schneckentempo“, beschreibt Eva-Maria Stange die zaghaften Veränderungen der Bildungslandschaft nach PISA. Ob es innerhalb der althergebrachten Strukturen überhaupt einen grundlegenden Qualitätssprung geben kann, darüber streiten sich die Experten.

Prof. Dr. Rita Süßmuth spricht als Präsidentin des Volkshochschulverbandes vor Teilnehmern des Bildungstages in Berlin. Sie vergleicht das deutsche Bildungssystem mit denen erfolgreicher PISA-Länder. Dabei falle auf, dass dort nicht wie in Deutschland ein fachspezifischer Ansatz mit festgelegten Standards und Leistungsnormen dominiert. Vielmehr werden personenbezogene Ziele formuliert, die immer auch auf Integration gerichtet sind. Alle Bemühungen ordnen sich einem allgemeinen Lernziel unter, das alle Fächer bestimmt. Kein Kind wird fallen gelassen und als Problemfall an eine andere Institution weitergereicht. Auch Beurteilungen von Leistungen der Schüler dienen nicht der Selektion, sondern der Suche nach Förderchancen. Weit mehr als in Deutschland zählt die Fähigkeit der Selbsteinschätzung. Lehrende und Lernende legen gemeinsam fest, was in ihrer Schule und bei jedem Einzelnen erreicht werden soll. Provokativ formuliert die Politikerin: „Wir gucken in Deutschland mehr ins 19. Jahrhundert als in 21. Jahrhundert.“

Ein zentraler Punkt für Veränderungen ist für sie die Stellung der Lehrer in der Gesellschaft. Wer nicht sehe, dass sie Motoren der Innovation sein können, verschenke wertvolles Potenzial. Als Bündnispartner brauchten sie Wirtschaft, Wissenschaft und Kirche. Ein Umdenken in der Bildungsphilosophie sei das Gebot der Zeit.

Dr. Margit Käßmann, Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, nimmt in ihrem Beitrag den Begriff Leistungsgesellschaft unter die Lupe. „Ich will Leistung nicht diskreditieren“, sagt sie. „Aber sie wird zum Abgott, wenn sie über alles gestellt wird.“ Die Bischöfin, selbst Mutter von vier Kindern, betont, dass ethische und soziale Kompetenz ein Bildungsziel ist, das mit Fach- und Lernkompetenz gleichgestellt werden muss. Auch die Kirche sehe Bildung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Generell würde in Deutschland Erziehungsleistung auch innerhalb der Familie zuwenig anerkannt. Dabei seien die Anforderungen heute extrem hoch. Eltern von heute brauchten Beratung, Entlastung und Solidarität. „Man spricht zum Beispiel von Erziehungsurlaub. Dabei ist diese Zeit mit den Kindern ein Kraftakt, der viel zu wenig honoriert wird“, so Käßmann.

Prof. Dr. Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Bremen mit dem Schwerpunkt „Öffentliche Finanzierung“ untersuchte die Frage, ob Bildung ein bezahlbares oder unbezahlbares Gut sei. Für ihn steht eindeutig fest: „Bildung ist ein öffentliches Gut und muss deshalb auch von der Gemeinschaft finanziert werden.“ Der Experte nennt dafür mehrere Möglichkeiten, angefangen bei Spielräumen im Steuersystem bis hin zu Möglichkeiten der Kreditfinanzierung. „Bildung ist eine Erbschaft für künftige Generationen. Deshalb sollte man auch darüber nachdenken, sie über Kredite zu finanzieren.“ Auch der Vorschlag von Rita Süßmuth, einen Bildungspfennig analog etwa dem Wasserpfennig in Baden-Württemberg ins Leben zu rufen, sei keineswegs abwegig.

Die Beschäftigten im Bildungswesen sollten ihre Forderungen ruhig selbstbewusst artikulieren, ermutigte der Ökonom die Konferenz-Teilnehmer. Schließlich profitiere die Gesellschaft als Ganze von einem hochwertigen Bildungsvermögen. Eine neue Wachstumstheorie in den USA belege, dass Länder mit guter Bildungsperformance auch eine gute ökonomische Entwicklung vorweisen könnten. „Deshalb könnte man das Thema dieses Bildungstages – Bildung als soziale Frage des 21. Jahrhunderts – erweitern. Und zwar um die Formulierung: Bildung als Frage der ökonomischen Zukunftssicherung.“

Erziehung und Wissenschaft, 7/8/2003

 

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